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Das ist nicht der #Ruhm der Mobilfunker

Sehr geehrter Herr Kehlmann,

Gerald Reischl hat mich gefragt, ob ich dabei bin wenn die Theaterversion Ihres Erfolgsromans auf die Bühne der Festspiele Reichenau kommt. Ich darf während der Vorstellung sogar meinem Hang zum auf 140 Zeichen verdichteten Exhibitionismus nachgehen. Mach ich. Eh klar! Ich twittere sogar am Klo. Im Theater habe ich auch schon. (Das Stück hat mich gelangweilt.)

Zur Vorbereitung habe ich natürlich Ihr Buch gelesen. Und siehe da, Sie haben meinesgleichen zum Gegenstand einer Episode Ihres Romans “in neun geschichten” gemacht. Ein vollkommen unmöglicher Typ, beschäftigt in der “Zentrale einer Mobiltelefongesellschaft” mit einer üppigen Online-Präsenz. Kann es sein, dass Sie mich meinen? Wenn ja, dann muss ich ein paar Dinge gerade rücken:

Abgesehen davon, dass niemand aus der Branche von einer “Mobiltelefongesellschaft” sprechen würde, sondern von “Anbieter” oder “Hersteller” (ich nehme an, Sie meinen “Anbieter”) bin ich gar keine so lächerliche Figur wie Mollwitt. O.k. – da kommt jetzt natürlich die für Kunst nötige Überhöhung dazu.

Fein jedenfalls, wie Sie mich in Ihrem Buch eingewoben haben in ein kunstvolles Geflecht aus Geschichten, Perspektivenwechseln und Sprachwitz. Da haben Sie sich bei meinem Alter Ego Mollwitt ja ordentlich ins Zeug gehaut: Anglizismen bis zum Abwinken. Und ganz schlimm: ins Deutsche rückübersetzte Begriffe. Mein Chef ist also “unkalt”.

Mit all dem könnte ich mich recht wohl fühlen. Immerhin bin ich Gegenstand eines Bestseller-Romans. Sie haben mir den titelgebenden Ruhm verschafft. Und doch kriegen Sie von mir keinen Dank. Niemals!

So sind wir nämlich nicht, wir Mobilfunker. Wir tun einen Job. Nicht mehr und nicht weniger. Manche von uns sind auch im Social Web sehr aktiv. Manchmal fahren wir auch auf Konferenzen. Dort halten wir auch Präsentationen. Aber sicher nicht über „Nationale versus Europäische Funknormen“ (Standardisierung im Mobilfunk ist nämlich international, das ist eines der Erfolgsgeheimnisse unserer Branche), auch nicht – wie Sie ein paar Seiten später schreiben – über „Europäische versus nationale Kommunikationsnormen“ (dazu können wir uns bestenfalls mit einer privaten Meinung äußern). Was Sie mit „nationalen Sicherheitsprotokollen für UMTS“ meinen, ist mir ein Rätsel. Jedes Netz verwendet seinen eigenen Verschlüsselungalgorithmus. Mit Nationalismus hat das nichts zu tun.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Das bringt allerdings nichts. Sie sind Schriftsteller. Anerkannt, preisgekrönt und das vergönne ich Ihnen. Ehrlich! Ich bin Mobilfunker, lange schon. Und Kultur mag ich auch. Mehr und vor allem anders als Ihr Mollwitt. Daher werde ich in Reichenau die Chance nutzen, die Sie Rosalie, der Hauptperson in einer der neun Episoden, verwehrt haben. Rosalie wollte mit dem Autor, ihrem Erfinder über den Fortgang ihrer Geschichte verhandeln. Das werde ich am Freitag in Reichenau auch tun. Mit Ihnen. Der Hashtag lautet #ruhm.

Bis dann Herr Kehlmann!

P.S. Sollte ich mal ein Buch über Sie schreiben, werde ich gründlich recherchieren!

Hier Gerald Reischls Zusammenfassung zum Projekt.

Dass ein „Mobilfunker im Brotberuf“ einen anderen Zugang zu Ihrem Buch haben kann, ist hier nachzulesen.

Category: Buch, Kultur, Theater

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2 Responses

  1. [...] spannende Blogposts zu dem Thema: Wer braucht schon Literatur auf Twitter? von Nicole Bäck-Knapp, Das ist nicht der #Ruhm der Mobilfunker von Werner Reiter und Christian Köllerers Rezension des Romans von [...]

  2. [...] — Artikel zum Thema „Twitter in Reichenau“: Nicky Bäck, Wer braucht schon Literatur auf Twitter? Markus Hochholdinger, Was Twitter und das Theater gemeinsam haben Christian Köllerer, Theater-Twitter-Projekt bei den Festspielen Reichenau Gerald Reischl, Reichenau: Heute twittert das Theaterpublikum Werner Reiter, Das ist nicht der Ruhm der Mobilfunker [...]

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