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re:publica 2012: Wehret der Zentralisierung!

Vergangene Woche war ich bei der re:publica in Berlin. Bei der größten Internet-, Blogger-, Netzaktivisten-, was-weiß-ich-Konferenz hat sich eines abgezeichnet: Die Zentralisierungstendenzen werden zunehmend kritischer gesehen.

Startrant: WLAN #fail

Beginnen möchte ich aber mit einem Startrant, auf den Sascha Lobo bei seinem „Überraschungsvortrag“ verzichtet hat. Und der geht so: Liebe re:publica, es kann schon mal passieren (sollte aber nicht), dass auf einer Konferenz, bei der es um das Internet geht, kein Internet-Zugang vorhanden ist. Dass euer WLAN an 2 ½ von 3 Konferenztagen so gut wie gar nicht vorhanden war, dass ihr euch dafür weder auf einer der großen Bühnen noch auf eurer Website in irgend einer Weise dafür entschuldigt habt, ist schon ein starkes Stück. (Oder habe ich was übersehen oder überhört?) Noch stärker war das Stück an den Infoständen, wo das Wörtchen „Info“ sogar in Kombination mit „WLAN“ zu sehen war. Dort hatte ein re:publica Mitarbeiter auf die morgendliche WLAN Frage nur ein ratloses „Ich glaub’ nicht!“. Für deutsche Besucher mag der Umstand vielleicht noch erträglich gewesen sein. Für Besucher aus dem Ausland (also mich) ist so etwas in höchstem Maße unlustig. Ihr könnt ja mal „Roaming“ in eine Suchmaske eingeben, damit ihr wisst, was ich meine. – Doch jetzt zum inhaltlichen Teil.

Das Ende der Social Media Euphorie?

Bei der re:publica habe ich in vielen Sessions gespürt, dass die Social Media Euphorie der vergangenen Jahre immer mehr einer  reflektierten kritischen Haltung weicht, die vor allem die Zentralisierungstendenzen im Web in Frage stellt. Man besinnt sich wieder auf  die „alten“ Grundprinzipien des Netzes. (Wobei man natürlich sagen muss, dass die Besucher der re:publica auch nur ein spezielles Segment netzinteressierter Menschen repräsentieren.) Aus meiner Sicht hatte die Euphorie vor allem zwei Quellen: die erste war der Boom der Social Media Beratungsbranche und die zweite hat wohl etwas mit der Rolle von Social Media im arabischen Frühling zu tun. Im vergangenen Jahr ist aber dermaßen viel passiert, was Zweifel aufkommen lässt, dass das Netz sich Richtung der viel beschworenen „Openess“ entwickelt. Sowohl auf politischer Ebene (als Beispiele: SOPA, PIPA oder ACTA) als auch bei den großen Dienste-Anbietern (als Beispiele: neue AGB bzw. neue Datenschutzerklärung von Google) wird vielfach in die entgegengesetzte Richtung gearbeitet. Zur ideologischen Absicherung ihrer Geschäftsmodelle rufen die Betreiber großer Plattformen auch gleich das Zeitalter der Post-Privacy aus

Wider die Zentralisierung

Eben Moglen

So ist es sicher kein Zufall, dass Eben Moglen eingeladen wurde, die Eröffnungsrede bei der re:publica zu halten. Der honorige Professor für Recht und Geschichte zeichnete ein düsteres Bild: Die großen Anbieter von Internet-Diensten bzw. Social Media Plattformen sammeln Informationen über Personen und ihre Beziehungsnetzwerke,  die unglaublich wertvoll für Staaten sind

„Die STASI hätte es heute leicht. Mark Zuckerberg macht die Arbeit für sie.“

Die neuen Medien konsumieren ihre Nutzer und machen sie zu Geld, anstatt für die Konsumenten da zu sein. Für Moglen ist es ein konzeptioneller Fehler, dass das Netz nicht mit dem Default-Feature Anonymität gebaut wurde. Die Regierungen – auch in so genannten freien Staaten – haben großes Interesse daran, die Bevölkerung „lesbar“ zu machen und entdecken ihre Liebe zu Datamining. Moglen betont mehrfach, dass wir unsere Verantwortung wahrnehmen und gegensteuern müssen. Seine Argumentationskette: Im Sinne der Meinungsfreiheit brauchen wir freie Medien (dazu zählt er auch Internet-Services) und freie Medien gibt es nur, wo der Code offen ist und von allen weiter entwickelt werden kann. Sascha Lobo schlug in seiner Rede am Ende des ersten Konferenztages in dieselbe Kerbe. Auch wenn ich Lobos Sinn für humorvolle Vorträge in etwa so beurteile wie seine Frisur, hat er doch mit Vielem Recht. Aus seinem Munde klingt das Plädoyer für die Dezentralisierung so:

„Macht  geile, kleine Blogs auf.“

Die Contents auf der eigenen Website gehören den Bloggern und nicht irgendwelchen Konzernen mit Sitz in den USA.

Rückbesinnung

Dieses Hauptmotiv des ersten Tags zog sich auch durch mehrere Sessions der beiden Folgetage. Egal ob über Anonymous, Occupy oder den Arabischen Frühling diskutiert wurde: Die dezentrale Organisationsform wurde als deren gemeinsame Stärke betont. Wo es keine Zentren gibt, kann man auch keine Köpfe abschlagen. Dezentralität war die Grundidee bei der technischen Entwicklung des Internet und diese Idee sollte wieder verstärkt bei Services bedacht werden. Eines der interessantesten Panels war für mich „Resisting the surveillance state and its network effects” mit Jacob Appelbaum  (Tor) und Dmytri Kleiner.  Beide formulierten ihre Standpunkte aus einer klaren politischen Haltung heraus und mit intellektueller und rhetorischer Brillanz. Kleiner, der Autor des Telekommunistischen Manifests, betonte, dass die Geschäftsmodelle von Facebook und Co einzig und alleine auf Überwachung beruhen (andere nennen bezeichnen das als Personalisierung) . Kleiner ist der Meinung, dass wir die Chance gehabt hätten, dezentrale Services wie Mail oder Usenet weiterzuentwickeln. Die Entscheidung für zentralisierte Plattformen wurde bewusst getroffen und folgt der kapitalistischen Verwertungslogik.

„We must not fail“

Neelie Kroes

Neelie Kroes

Ich könnte noch mehr Beispiele von Diskussionsbeiträge bei der  re:publica bringen, die dem roten Dezentralisierungsfaden folgen. Bis zu einem gewissen Grad kann auch das Statement von EU-Kommissarin Neelie Kroes als solches gewertet werden. Sie hat mehrfach betont, dass sie dankbar für das Engagement und die Proteste gegen ACTA sei, die letztlich dazu geführt haben, dass sie am letzten re:publica-Tag andeuten konnte:

„You don’t have to worry about ACTA anymore.“

Hier hat sich ein Zentrum für dezentrale Aktionen bedankt.

Viel wichtiger als weitere Beispiele ist aber ein Satz aus der Rede von Eben Moglen:

„We can win. We must not fail!“

Wenn wir verlieren, geht zugrunde, was über hunderte von Jahren mühsam erkämpft wurde: die Meinungsfreiheit.

Was sonst noch war

Die re:publica bot laut Website „mehr als 200 Stunden Programm verteilt auf drei Tage und acht Bühnen, 350 Redner aus über 30 Ländern“. Ich bin bei der Auswahl der Vorträge und Panels meinen persönlichen Interessen gefolgt. Das eine oder andere Mal habe ich einen Raum verlassen, weil meine Erwartungen enttäuscht wurden. Generell muss ich sagen, dass entgegen der Philosophie solcher Veranstaltungen die Vorträge meist spannender waren als die Diskussionsrunden. Neben den oben genannten ist mir einer besonders in Erinnerung geblieben.

Der Vortrag der in Spanien lebenden Syrierin Leila Nachawati  hat mich wirklich tief beeindruckt. Sie hat den harten Kampf im Syrischen Widerstand in sehr klaren und eindringlichen Worten geschildert. Gebrochene Hände von Karikaturisten und durchschnittene Stimmbänder von Sängern sind starke Bilder. Ebenso so stark sind die Bilder von kreativen Protestformen oder YouTube-Videos, die mit dem Satz „Your Silence is their strongest weapon“ enden. Diese Stille muss durchbrochen werden. Dazu können kleine, geile Blogs auch etwas beitragen.

Urheberrechtsdebatte. Langweilig.

Bei der Eröffnung der re:publica war die Rede davon, dass die Urheberrechtsdebatte ein Schwerpunkt der Konferenz sein sollte. War es auch. Allerdings wurden bei den Diskussionen dieselben – teilweise schon sehr alten – Argumente mit großer Leidenschaft ausgetauscht. Der Grundtenor (es ging bei der re:publica primär um Musik) lässt sich schnell zusammenfassen. Die GEMA (bzw. die österreichische Pendants AKM und Austro Mechana) muss dringend reformiert werden. Das müssen die Mitglieder – also die Künstler – selbst treiben. Man sollte zeitgemäße legale Angebote wie Spotify oder Simfy fördern und die Künstler sollten für ihre Arbeit entlohnt werden. Irgendwie. Notfalls vielleicht über ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Danke re:publica!

Der Rant steht eh schon ganz oben – an dieser Stelle ein Danke! Ich hatte ein paar interessante Tage in Berlin. Daran war die re:publica nicht unmaßgeblich beteiligt. Wenn ich Zeit habe, werde ich demnächst auch über die anderen Erlebnisse in Berlin schreiben. Fotos zur Illustration habe ich jede Menge.

 

Category: Medien, Politik, Technologie

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