Jul 1, 2012
Beschneidung: Wir müssen das aushalten
„Das müssen Sie aushalten, meine Damen“, sagte Prof. Walter Dostal süffisiant grinsend, wenn junge Ethnologiestudentinnen reihenweise in Ohnmacht fielen, während er stundenlag Videos von Beschneidungsritualen zeigte. Das war Anfang der 90er Jahre und Dostal war ein Vertreter einer aussterbenden Gattung von Ethnologen, die den Kulturrelativismus in Reinkultur predigten. Bloß nicht anecken bei anderen Kulturen. Als Forscher schon gar nicht. Man muss Beobachter sein, auch wenn’s weh tut und Blut fließt. Das muss man aushalten.
Ich erinnere mich an den alten Professor mit den dicken Brillen, wenn ich die Diskussion um das Urteil des Kölner Landgerichtes zum Thema Beschneidungen mitverfolge. Ich bin alles andere als ein Kulturrelativist und Religion ist mir in jeglicher Ausformung ziemlich suspekt. Damit ist es nur logisch, dass ich ein großer Freund des Laizismus bin.
So gesehen gefällt mir die Entscheidung der deutschen Richter. Und vielen anderen gefällt sie auch. (Als Beispiel hier der Blogpost von Niko Alm.) Ein Sieg der Vernunft. Durchexerziert an dem, was uns allen am wertvollsten, wichtigsten und schützenswertesten erscheint: am Körper kleiner Kinder. Der muss unversehrt bleiben, darf nicht von Eltern verschandelt oder gar verstümmelt werden, auch wenn sie das als Ausdruck ihrer kulturellen Identität verstehen. Punkt. Wunderbar! Ein Sieg der Rationalität über dumpfe irrationale Konzepte. Das ist mehrheitsfähig. – In Deutschland und wahrscheinlich auch im Schnitzelland.
Doch jetzt mal langsam: Hier hat eine staatliche Institution über eine Minderheit entschieden. Da ist Vorsicht geboten. Noch mehr Vorsicht ist geboten, wenn diese Minderheit an vielen Orten dieser Welt die Mehrheit stellt und das, was in Deutschland als Unrecht identifiziert wurde ganz zentraler Bestandteil der (kulturellen) Identitätsbildung ist. Die Beschneidung von jungen Knaben ist seit Jahrtausenden das Symbol der Aufnahme in eine Gemeinschaft. (Im Gegensatz zu Mädchenbeschneidungen hat sie auch kaum negative Auswirkungen.) Ja, es ist Körperverletzung, aber sie ist (relativ) harmlos. Ich habe das heute schon mal mit dem Stechen von Ohrringen verglichen. Ich habe als Vater eingewilligt, dass sich meine Töchter Ohrringe stechen lassen. Sie wollten das zwar selbst, aber sie sind noch keine 14. Also bin ich verantwortlich für einen Eingriff in ihre körperliche Unversehrtheit. Wenn ich das Urteil des Kölner Gerichts zu Ende denke, bin ich schuldig.
Es gibt nichts was mir mehr gegen den Strich geht als Ungerechtigkeiten im Namen der Religion. Religion ist für mich eine Ungerechtigkeit an dem was ich kritisch reflektiertes Denken nenne. Es gäbe vieles, was in dem Zusammenhang verboten werden müsste. (Pars pro toto die Kreuze in Schulklassen.) In Deutschland wurde aber etwas verboten, das eine Minderheit betrifft. Und das ist noch dazu zentrales Element von Kulturen. Religionen per se sind ja immer abstrakt. Sie werden konkret in Form von Traditionen und kulturellen Äußerungen. Selbst wenn man grundsätzlich nichts mit der Religion anzufangen weiß, muss man sie als solche mal zu Kenntnis nehmen. Bei der Debatte um Beschneidungen operiert man nicht an irgendwelchen Oberflächlichkeiten wie etwa der Verschleierung von Frauen (Verschleierung ist selbst bei Muslimen nicht mehrheitsfähig). In etlichen Kulturen gilt ein (männliches) Kind erst in eine Gesellschaft aufgenommen, wenn es beschnitten ist. In der Denkweise dieser Menschen kann man damit nicht warten, bis der Knabe 14 ist. Er würde lange Zeit in der Luft hängen. Das ist nicht religiös begründbar und schon gar nicht rational. Mir gefällt das nicht, aber ich will es nicht verbieten.
Warum? Weil es den Graben zwischen den Einheimischen (in dem Fall die deutsche Mehrheit) und den Zugewanderten (in dem Fall die muslimische und jüdische Minderheit) noch weiter aufreißt anstatt ihn zu schließen.
Ich würde über dieses Urteil jubeln, wenn es in einem Land mit jüdischer oder muslimischer Mehrheit gefällt worden wäre. Das wäre ein wünschenswertes Zeichen von Laizismus. Im konkreten Fall bin ich der Meinung Dostals: Wir müssen das aushalten. Wir werden das Thema nicht in Deutschland (und in Österreich schon gar nicht) lösen können. Wir sollten darüber diskutieren, aber nicht verbieten.


Ja, da stimme ich nicht zu. Ich finde nicht, dass Gericht Urteile fällen sollten mit Blick auf die Frage, wer denn weltweit die Mehrheit hat, sondern mit Blick auf die Gestaltung des Rechtsrahmens für ihr eigenes Land. Der Ohrlochvergleich, den ich bei der Frage der Körpereingriffe durchaus für legitim habe, hinkt eben da, wo du ihrem Wunsch zugestimmt hast – eben um das geht es bei der Beschneidung überhaupt nicht (und das ganze Rattenschwanz an alttestamentarischer Gemeinschaftsrhetorik – so wie Gott den Bund mit Abraham schloss – sowieso nicht).
Gerade die Position “Ja, es ist Verletzung, aber sie ist relativ harmlos” kann man als rechtlichen Rahmen nicht vorgeben. Ist es Körperverletzung, dann kann man es nicht zulassen.
Man muss nicht beschnitten sein, um Jude zu sein, es nicht noch nicht mal alle Juden beschnitten. Muslim ist man mit der Geburt (bzw. grundsätzlich als Mensch), auch dafür braucht man keine Beschneidung. Und auch Rituale sind wandelbar.
Interessant, dass Juden für dich Zugewanderte in Deutschland sind.
Hier eine weiterführende Antwort und LInksammlung zur Frage, ob ein jüdischer Junge beschnitten sein muss:
Can a Jewish boy be uncircumcised?
http://answers.yahoo.com/question/index?qid=20081212094049AA6zUAb
Your children do not have to be circumcised. There are many good resources on raising intact Jewish boys. The only requirement to be a Jew is to have a Jewish mother. since your girlfriend is Jewish, they will also be. Try these resources for more information-
http://jewishcircumcision.org/
http://www.kahal.org/ (mostly in hebrew)
http://www.circumstitions.com/Jewish-sha…
http://www.jewsagainstcircumcision.org/
http://www.cutthefilm.com/Cut_Website/Ho…
(videos of academic and religious discussions follow screenings of
the film can be seen here… http://www.youtube.com/user/eliungar some are very good!)
http://www.youtube.com/user/britmilavide… (very good
personal interviews)
And another documentary in its enitrety on Youtube “Cutting With
Tradition” about Jewish intactivism and 2 families struggles (one
family goes through with a bris in the end, one does not, but they give
good info on jewish intactivism throughout the film)
In three parts….
part 1- http://www.youtube.com/watch?v=tq9XCbZI6…
part 2- http://www.youtube.com/watch?v=XOj1RKmPF…
part 3- http://www.youtube.com/watch?v=w79ep7kwa…
There are several jewsagainstcircumcision groups on Yahoo groups as well if you need to talk to Jewish parents of intact sons. -Neb
Das Problem beginnt nicht dort, wo Gerichte Urteile fällen. Dort ist nämlich schon der Ursprung für eine Radikalisierung, die eine gute Diskussion verhindert. Vom deutschen und auch dem österreichischen Rechtsstaat würde ich mir in vielen Punkten raschere Entscheidungen wünschen. Wenn diese verschleppt worden wäre, wär’s mir nicht unsympathisch gewesen.
Zuerst das Kopftuch und jetzt die Vorhaut?
Ich kann micht durchaus mit vielen Ihrer Gedanken anfreunden, doch glaube ich (Details: http://wp.me/p1kfuX-m2 ), dass Sie den Fehler machen, das Problem nur unter dem Gesichtspunkt der jüdischen oder islamischen Minderheiten bei uns zu sehen. Sie übersehen, dass in anglikanischen Ländern die Mehrheit der christlichen Knaben beschnitten wird …
Wenn wir weiter das Problem unter dem Gesichtspunkt der Religionsfreiheit und der Minderheitenrechte diskutieren, sind wir im falschen Fahrwasser …
Wir müssen über vieles diskutieren und zwar ganz dringend. Ich befürchte nur, dass Verbote, die in der Art daher kommen wie dieses Gerichtsurteil, die Diskussion eher behindern.
Wir müssen das nicht aushalten! In einem säkularen Staat haben sich alle an dessen Gesetze zu halten. Jetzt aber diese archaische Beschneidung wehrloser Kinder noch durch religiöse Gesetze zu legalisieren, ist der Gipfel der Frechheit.
http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/07/01/fdp-bundestagsabgeordneter-fur-beschneidung/
Ich sehe die Sache in einigen Punkten anders:
Zunächst einmal: Es ist anzuerkennen, daß dieses Urteil mittelbar religiöse Gemeinschaften betrifft, aber: wir haben hier kein Urteil “über eine Minderheit” gefällt. Das Urteil richtet sich prinzipiell gegen jene, die an Minderjährigen Beschneidungen durchführen, die unter medizinischen Erwägungen unnötig gewesen ist.
Die aus medizinischer Sicht unnötige Beschneidung von Jungen ist ein Eingriff in die körperliche Unversehrtheit des Beschnittenen. Er kann sich nicht aussuchen, ob sein Penis beschnitten wird und er muss diese Fremdentscheidung bis ans Ende seiner Tage tragen. Von einem aufgeklärten Standpunkt aus betrachtet, gibt es aus meiner Sicht keine Begründung, die einen solchen Eingriff argumentativ legitimieren würde, zumal es dem betreffendem Menschen außerdem freisteht, sich von der ihm aufdokrinierten Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft loszusagen.
Es ist im Grunde genommen einfach: Die Religionsfreiheit findet ihre Schranken in der körperlichen Unversehrtheit des Kindes. Wer dies negiert, stellt religiöse Befindlichkeiten (zumal ohnehin fragwürdige) über das Grundgesetz. Dies käme einer unbotmäßigen Konzession an die Religionsgemeinschaften dar, die aus meiner Sicht unter keinen Umständen zu akzeptieren ist.
Versteh mich bitte nicht falsch: Ich bin kein Gegner von Beschneidungen. Im Gegenteil: Ich finde sie aus ästhetischer und medizinischer Sicht sogar gut. Es ist aber das eine, wenn ein mündiger Mann, beispielsweise im Alter von 16 Jahren sich bewusst dazu entscheidet, sich beschneiden zu lassen, oder ob einem unmündigen Kind diese Entscheidung vorweggenommen wird.
Wenn die Zentralrat der Juden jetzt behauptet, daß unter diesen Umständen jüdisches Leben in Deutschland verunmöglicht werde, dann müssen sie sich anerkennen, daß dies ein Problem ist, was aus der Diskrepanz zwischen einer säkularen Gesellschaft und dieser mittelalterlichen Praxis entspringt.
Kurz gesagt: Es ist ihr Problem und nicht das Problem des Kindes.
Wenn man diesen Gedanken etwas weiter denkt, dann müsste jeder Mensch, der ein Kind verprügelt ungestraft davon kommen, sobald er sich auf das alte Testament (Sprüche (22, 15)) beruft, wo folgendes steht: Torheit steckt dem Knaben im Herzen; aber die Rute der Zucht treibt sie ihm aus. Daraus könnte man also relativ einfach die Legitimation, seine Kinder zu schlagen herleiten.
Eine Gesellschaft, die alles mit Strafen und Sanktionen belegt, ist mit Sicherheit nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich habe mich nicht für Beschneidungen ausgesprochen, sondern nur gegen gesetzliche Sanktionen, die ein Staat gegen die kulturelle Praxis einer Minderheit ausspricht, zumal diese im Gegensatz zum Schlagen von Kindern identitätsstiftend ist.
Inwiefern ist die Beschneidung für den Jungen denn Identitätsstiftend? Büßt der Junge etwa an Identität ein, sofern er nicht beschnitten wird?
Bist du als Kind schon mal wo gestanden, wo Du nicht dazu gehört hast? Die Identität des Jungen ist konstruiert. Der Knackpunkt dabei sind die Eltern. Die werden durch Verbote ohnehin nicht beeindruckt. Der Beschneidungstourismus wird kommen.
Ein Gerichtsurteil ist nicht das Aufstellen eines Verbotes. Ein Gerichtsurteil ist die Interpretation bereits bestehenden Rechts, die Feststellung, dass etwas bereits verboten ist.
Solange nicht durch höhere Instanz entschieden wird, dass dies eine Fehlentscheidung ist, solange ist das Urteil dem Gericht nicht vorzuwerfen. Die politische Debatte wird nicht durch das Urteil ersetzt – und findet jetzt ja auch statt.
Dessen Ergebnis kann sein, dass Recht geändert wird. Das heißt, dass die Befürworter dieser Beschneidungen dafür demokratische Mehrheiten organisieren können und müssten.
Mir war schon klar, dass ich da eine Abkürzung nehme. Ich wiederhole (in anderen Worten): Inhaltlich bin ich voll mit dem Urteil einverstanden. Meine Befürchtung ist nur, dass es eher negative Auswirkungen auf das Zusammenleben der Mehrheit mit Minderheiten hat. Es ist schon eine ziemliche Breitseite.
Verstehe ich Dich richtig: die Frage der Strafbarkeit einer Handlung ist davon abhängig zu machen, ob als potentielle Täter vorwiegend Angehörige einer Minderheit in Frage kommen?
Du verstehst mich (absichtlich) falsch. Ich habe hier einen Kommentar zu einem Gerichtsurteil abgegeben, das aus meiner Sicht über das Ziel hinaus schießt und im Vergleich zu anderen Urteilen unverhältnismäßig ist.
beschneidung ist keine harmlose körperverletzung. ich konnte 7-jährige buben in istanbul beobachten, kurz nach ihrer beschneidung. das waren geschockte, verängstigte kinder.
da ich selbst von den mayas abstamme, benötige ich für die religiösen feiertage, die nächste woche beginnen, dringend noch 3 menschen, die ich meinen göttern opfern möchte. bei interesse bitte pn…
Laut Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision) sind ca. 25 % bis 33 % der männlichen Weltbevölkerung beschnitten. Ein Drittel der Männer auf dieser Welt läuft also traumatisiert durch’s Leben? Nochmals: Ich persönlich halte Beschneidung für eine vollkommen verzichtbare Praxis und begrüße die Diskussion darüber. Das Gerichtsurteil in Deutschland trägt aus meiner Sicht sicher nicht zur Verständigung zwischen den Kulturen bei.
Dieses Argument würde ich insofern nicht gelten lassen, weil man damit viel zu viel rechtfertigen kann. Stichwort: “A gsunde Watschn hat noch niemanden geschadet.”
Einen passablen Artikel zur Debatte gibt es hier:
http://www.economist.com/node/21558299