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Go, go, go Bobo!

Ich trage einen Bart. Schon lange. Und eigentlich gibt es darüber gar nicht viele Worte zu verlieren. Sind ja nur ein paar Haare. Die müssen ab und zu gepflegt werden (wie eigentlich eh fast alles). Für die Pflege nehme ich manchmal Unterstützung in Anspruch. Erstens, weil es für den Bartträger selbst nicht einfach ist, die paar Haare in eine halbwegs ansehnliche Form zu bringen und zweitens, weil die Unterstützung meist mit einer Kopfmassage verbunden ist. Das begleitende Wohlfühlprogamm zur Rasur habe ich vor vielen Jahren an den Ghats von Varanasi kennengelernt. Hat nur ein paar Rupien gekostet. Seither leiste ich mir dieses Programm von Zeit zu Zeit. In Marrakesch, in Istanbul und auch in Wien.

Da gehe ich gerne zu einem türkischen Barbier gleich ums Eck. Die dort tätigen Haarpflegeexperten begrüßen mich immer mit „Hallo Chef, wie geht?“, rasieren mit einem großen Messer, schneiden meine Nasenhaare und Augenbrauen, brennen die feinen Härchen an meinen Ohren ab und verstehen sich auch auf die Kunst der Kopfmassage. Meine Freundin meint, ich brächte einen gar intensiven Duft von dort mit nach Hause, aber die Kritik lasse ich an mir abperlen. Hauptsache, das Gesichtshaar ist in Form und ich hatte eine feine Auszeit.

Vergangene Woche hatte ich keine Zeit, dorthin zu gehen. Aber ich hatte ein freies Zeitfenster zwischen zwei Terminen im siebenten Wiener Gemeindebezirk. Also bin ich dort in einen Bobo-Barbierladen eingeritten.  – Der Vergleich macht mich sicher.

Beim Bobobarbier

Leer. Keine Menschen auf den Barbierstühlen. Nur zwei Bedienstete im edlen, vintage-gestylten Geschäftslokal. Beide farblos, dürr, aber mit mächtigen Bärten und Hemden mit ebenso mächtigen Karos drauf. Die Hosen etwas zu kurz. Na gut. Wenigstens muss ich nicht warten. Ich steuere zielstrebig auf einen Barbierstuhl zu. Eins der schmächtigen Männlein schneidet mir den Weg ab und fragt, was es für mich tun könne. Eigentlich sollte das eh klar sein, aber ich erklär’s trotzdem. Der Junge murmelt in seinen roten Bart mit dem gezwirbelten Schnauzer, dass er aktuell keinen Termin freihabe. Aha, soso! Na, wann habe er denn einen Termin frei? – Das könne er nicht sagen, aber ich möge mich doch mit Namen und Telefonnummer in sein unfassbar großes Buch mit den künstlich vergilbten Seiten eintragen. Er ruft mich dann verlässlich an, wenn er sich einen Überblick verschafft hat. Ich trage mich also ein. Die Seite, auf der mit eleganter Füllfederschrift das aktuelle Datum eingetragen ist, ist leer. Soll sein. Jetzt steht ein falscher Name und meine richtige Telefonnummer dort. Um mich auf den Termin – wann immer er auch sein wird – vorbereiten zu können, frage ich das Männlein, was denn ein full service kostet. Der zweite Zwerg mit dem sorgsam geföhnten Bart und der schief aufgetürmten Haartolle kommt ihm zu Hilfe, mustert mich von oben bis unten und erklärt dann mit vielen Fachbegriffen, dass das, was man mit mir vorhabe, exakt 60 Euro kosten werde. Der genannte Betrag entzieht meinem Hirn die richtigen Worte. Ich quittiere mit einem unverbindlichen „O.k.“ und verlasse das schmucke Barbiergeschäft.

Beim Türken ums Eck

Tür auf. Geschäft bummvoll. Der Schmäh rennt. Auf türkisch natürlich, genau wie das, was aus dem Fernsehgerät dröhnt. Begrüßung mit dem üblichen „Hallo Chef, wie geht?“. Ich schaue auf die besetzten Barbierstühle und auf die Reihe der Wartenden. Einer der Haarpflegeexperten: „Bissi warten!“ Ein anderer bringt mir einen Kaffee. Türkisch, ohne Zucker. Man kennt mich. Nach ein „bissi Warten“ und viel Gelächter über einen Beitrag im türkischen Fernsehen (ein Video von einer Massenprügelei in einem vollbesetzten Bus, das von einer Überwachungskamera aufgezeichnet wurde), kann ich den Barbierstuhl besteigen. Ich erfahre, dass es Kindern des Herrenfriseurs mit dem kräftigen Händedruck gut geht. Er erfährt, dass ich zur Zeit viel zu tun habe. Alles wie immer, alles zu meiner Zufriedenheit. Auf der menschlichen Ebene ebenso wie bei der Bartpflege. Kopfmassage inklusive. Abschließend meint er: „Funfsehn Jahre jünger!“ Kostet exakt 17 Euro. Ich runde auf.

 

Category: Gedanken, Texte

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One Response

  1. Ha, da frisst mich der Neid! Bei mir ums Eck ist nirgendwo ein türkischer Barbier :(

    Außerdem hatte ich bei „Eins der schmächtigen Männlein schneidet mir den Weg ab und fragt, was es für mich tun könne.“ sowas von einem nie mehr vergessbaren Bild im Kopf – #grosseLiteratur

    Treffen wir uns doch nächstes Mal irgendwo bei dir in der Nähe und gehen wir dann gemeinsam zum Turko-Haarabschneider – ich hab die Salons bisher immer nur von außen bewundert. Mein Bart ist zu unstattlich, als dass er der Pflege bedürfte, aber die Schneidemeister dort kümmern sich eh auch ums Haupthaar.

    btw: Abgesehen von allem anderen noch ein weiterer, kleiner Sympathiepunkt für die Gewinner deines Vergleichs: Deren Barbershops tragen nie diese g’schissenen Möchtegern-Wortkünstler Freeseur-Namen, know’ah mean? Fortschnitt, cHAARisma, Coiefhaar…. (alles Real-Life Beispiele.) ((Bis auf das letzte.))

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