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The Sisters of Mercy: Marian

Teil 2 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie.

Die Nächte damals waren dunkler als heute. Sie gehörten uns. Jedenfalls die von Samstag auf Sonntag. Die durfte uns niemand nehmen. Meine Eltern haben es versucht. Sie wollten meine gepeinigte Pubertierendenseele der Nacht entziehen. Um 22:00 Uhr sollte ich zuhause sein. Das war ich auch. Um Mitternacht war ich allerdings wieder dort, wo meine düsteren Gedanken mich hinzogen. In den Partyraum. Zwei Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Nachdem ich mich um 22:00 Uhr brav zurückgemeldet habe und eine Stunde danach sicher war, dass diejenigen, die mich in diese kalte, grausige Welt geworfen haben, auch wirklich schliefen, hatte ich meine Lederjacke wieder über das schwarze Hemd gezogen und war – so schnell es meine spitzen Stiefel zuließen – dorthin gelaufen, wo dieses Lied im Loop lief. Ich nahm einen tiefen Schluck, steckte meine Hände in die Taschen der Lederjacke und tanzte mit tief gesenktem Haupt.

„Marian“ von The Sisters of Mercy ist genau behört ziemlich billiger Gothic-Kitsch. Damals war es aber unglaublich wichtig für mich.

 

Wolfgang Ambros: Allan wia a Stan

Am Anfang stand die Idee, meine Biografie anhand von Liedern zu erzählen, die mein Leben säumen wie die Steine, die in ärmeren Ländern die Fahrbahnränder markieren. Musik war immer schon unglaublich wichtig in meinem Leben. Früher habe ich mich, meine Haltung, meine Einstellungen stark über die Musik definiert, die ich gehört habe. Das ist heute nicht mehr so. Ich habe zu viele dieser Steine gesammelt, um daraus noch einen Weg oder auch nur eine Richtung ableiten zu können. Daher habe ich auch die Idee verworfen, eine Geschichte zu erzählen. Es sind viele kleine Geschichten. Stimmungen. Erinnerungsfetzen wie dieser hier.

Ich war ein verträumter, milchgesichtiger Jüngling von vielleicht zwölf oder dreizehn Jahren. Meine Eltern sind nie mit mir auf Urlaub gefahren. Die Weite der Welt konnte ich nur erahnen. Der Lautsprecher meines Kassettenrekorders erzählte mir in Mono (!) davon. Und Bob Dylan war mein Held. Für den hat es damals nicht gereicht. Aber für Wolfgang Ambros. Der war in den frühen Jahren seiner Karriere ja so etwas wie der österreichische Statthalter von „His Bobness“. Eines Tages erstand ich von meinem Taschengeld die Eintrittskarte für ein Ambros-Konzert in Linz. Dort wollte ich hinfahren. Alleine. Meine Freunde interessierten sich nicht für so etwas. Meine Mutter war in Sorge. Ihr kleiner, verträumter Bub alleine bei einem Rockkonzert (oder was sie dafür hielt)! In einer Großstadt! (Für sie ist Linz eine Metropole und ich sah das damals auch so.) Sex! Drugs! Und ihr Söhnchen mittendrin! Die Raiffeisen-Kassa (vielleicht war es auch die Sparkassa) hatte damals so einen Jugendclub. Der organisierte Busfahrten zu Konzerten in Linz. Das war damals ungefähr zwei Lichtjahre von meinem Heimatort entfernt. (Heute 45 Kilometer). Meine Mutter war immer schon eine praktische Frau. Sie traf Vorkehrungen für den Fall, dass ich den Bus nach dem Konzert versäumen sollte. Und zwar nähte sie mir einen Tausendschillingschein in der Brusttasche des Hemdes ein, das ich als Konzertoutfit gewählt hatte. Damit konnte ich im Notfall ein Taxi nehmen, um die zwei Lichtjahre zurück in meinen Heimatort zu fahren.

Ambros spielte damals auch die ins Wienerische übertragene Version von „Like A Rolling Stone“. Ich habe aus Leibeskräften mitgesungen. Alleine. Auf meinem ersten Rockkonzert. Den Tausender habe ich meiner Mutter in der Nacht auf den Küchentisch gelegt. Sie war schon im Bett als ich heimkam.

wovenhand: refractory obdurate (danke!)

ich habe schon lange nicht mehr über musik geschrieben. ganz bewusst nicht. irgendwann hatte ich mal festgestellt, dass mich neue releases gar nicht mehr dort treffen können, wo sie früher getroffen haben. ich hab’s auf mein alter geschoben. habe gedacht, das wäre irgendwie vorbei. als alter sack singt man die lieder aus seiner jugendzeit und lernt keine neuen mehr. so einer darf nicht mehr über neuerscheinungen schreiben. so einer muss das maul halten.

soll sein, dachte ich und habe aufgehört, neuer musik hinterherzujagen.

meine musiksammlung ist groß genug. was neu veröffentlicht wird, unterscheidet sich ja nicht grundlegend von dem, was ich eh schon kenne. besser die lücken in der sammlung vervollständigen als sich auf neues terrain vorwagen, das dann eh gar nicht so aufregend ist. die letzte echte revolution im erweiterten einzugsgebiet der popmusik ist schon ein paar jährchen her. (und ich war eh ein bisschen dabei; techno, fridge trax und so.) und sollte es tatsächlich noch eine weitere revolution gegeben haben, ist es nicht peinlich, wenn ich alter sack es nicht mitbekommen habe.

sicher, manches neue album mag so gut sein wie das, was wir uns als pickelige jugendliche gegenseitig auf mixtapes gebannt zum geburtstag geschenkt haben, aber es legt den finger nicht mehr in die salzige wunde der sehnsucht, die uns damals gequält hat. dabei tut es auch heute noch gut, dieses gefühl der sehnsucht, der wut zu kitzeln. schlag nach im vinylstapel der guten alten zeit.

nun ja, heute hat mich ein neues album einer eh schon alten band wieder genau dort berührt, wo’s so richtig weh tut. david eugene edwards, der zornige vorsitzende von 16 horsepower ist mit seinen wovenhand nach mäßig spannenden ausflügen in die mittelalterfolklore wieder in den ursumpf seines musikschaffens zurückgekehrt: in das spärlich besiedelte grenzgebiet zwischen country und punk. dorthin, wo die gottverlassenen waidwundwild den herrn  erst um gnade bitten und ihn dann – im wissen, dass er ihnen niemals antworten wird – auf’s wildeste beschimpfen. da schlägt das pendel naturgemäß eher in richtung punk aus.

danke woven hand! danke david eugene edwards! ich werde mich nicht mehr ausschließlich in der vergangenheit suhlen. die gegenwart kann auch schön schmerzhaft sein. ich bin sicher, dass es da draußen genügend junge musiker gibt, die fühlen wie wir.

Zivilisation ohne Verstand

Als Präsident Lowell von der Universität Harvard in den 1920er Jahren einen Ehrenpreis an den großen Myrmekologen Morton Wheeler überreichte, sagte er, dass das Studium der Ameisen gezeigt habe, dass diese Insekten

„ebenso wie Menschen Zivilisationen erschaffen können, ohne den Verstand einzusetzen.“

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Erzürnt euch!

Wenn mich ein Buch von den Vorzügen des Zorns überzeugen will, dann ist das ja preaching to the converted. Vergnügen hat mir die Lektüre von „Der Zorn. Eine Hommage“ allemal bereitet. Euch, die ihr den Zorn noch nicht so schätzen könnt, lege ich diese Aufsatzsammlung dringend ans Herz! Vielleicht kann sie euch überzeugen, auch zu konvertieren.

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Verantwortung? Entschuldigung!

Weil’s mir heute im Rahmen meiner Lohnschreiberei aufgefallen ist: Ich habe immer wieder mit „Verantwortung“ zu tun. So gut wie jedes Unternehmen hat diesen Begriff als Menüpunkt auf seiner Webpräsenz stehen. (Ich darf auch ab und zu Texte für diese Menüpunkte schreiben.) Wie es um diese Verantwortung bestellt ist, lässt sich ganz gut am sprachlichen Umgang mit begangenen (gemachten) Fehlern erkennen.

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Maispace 2013: „Sharing Economy needs Sharing Lifestyles“

Ich wurde vom Verlag Neue Arbeit eingeladen, einen Text für das Maispace Sharing Economy Camp  zu schreiben. Dieser befindet sich in der Maischrift mit dem schönen Titel „Sharing wird die Welt verändert haben“. Meine Text- und Gedankennachbarn dort sind Johanna Stögmüller, Georg Russegger und Armin Medosch.

Maispace findet am 30. April 2013 in der <>< Grellen Forelle statt. Gehet hin!

Grafik: Bureau FFabienne

—Und hier mein Text:—

Es ist bestimmt kein Zufall, dass parallel zu den Finanz-, Banken- und Staatskrisen, die seit 2008 die Welt durchschütteln, ein Hype entsteht, der auf uralten Traditionen fußt. Teilen kommt wieder in Mode. Eine Tugend, die schon den frühen Jäger- und Sammlergesellschaften als Selbstverständlichkeit galt, kommt heute neu aufgeputzt – und gestärkt durch die technologischen Möglichkeiten der Vernetzung – als Sharing Economy oder Collaborative Consumption bei der Tür herein. Allzu oft vergisst man dabei, dass es hier eben nicht um Ökonomie, sondern um eine Tugend handelt. In der Sharing Economy gilt nämlich eine andere Währung – und die heißt Vertrauen.

2011 bezeichnete das TIME-Magazine Sharing als eine von zehn Ideen, „that will change the world“. Der Economist brachte kürzlich eine Geschichte über „The new sharing economy“. Und die diesjährige CeBIT hatte „Shareconomy“ als Leitthema. Der Megatrend manifestiert sich in vielen Facetten von Carsharing über Tauschbörsen bis zu städtischen Gemeinschaftsgärten. Hinter dem Schlagwort „Nutzen statt besitzen“ tut sich ein weites Feld von Tauschen, Teilen und Leihen auf, das als Lösung für einige der großen Probleme unserer Zeit gilt. Die Rechnung ist simpel: Wenn wir Konsumgüter, Fortbewegungsmittel oder Rechenkapazitäten in der Cloud teilen, muss insgesamt weniger produziert werden und die begrenzten natürlichen Ressourcen werden entlastet. Im Idealfall greifen wir dann auch auf Produkte mit höherer Qualität zu. Ein gemeinschaftlich angeschafftes und genutztes Werkzeug wird in der Regel mehr Funktionalitäten haben und langlebiger sein als Geräte, die wir uns als einzelne Anwender leisten können. Die gemeinsame Bewirtschaftung der Allmende ist aus der Vogelperspektive betrachtet ein Beitrag zu mehr ökologischer und wirtschaftlicher Nachhaltigkeit. Die Architektur des Internets ist bestens dazu geeignet, schnell und treffsicher zwischen Angebot und Nachfrage zu vermitteln. Das zeigt etwa der Erfolg von Airbnb, einer Plattform zur Vermittlung von privaten Unterkünften. Airbnb zeigt wie Ressourcen mit Hilfe des Netzes in großen Dimensionen getauscht werden können statt wie bisher nur in kleinen sozialen Einheiten. Im Vorjahr hatte die Plattform 2,5 Millionen Nutzer. Bei Airbnb wird ein weiterer Aspekt sichtbar, der bei der aktuellen Diskussion zu kurz kommt: Wo geteilt wird, gibt es eine direktere Beziehung zwischen den Menschen. Da reicht die Vogelperspektive nicht mehr aus. Wer seine Wohnung oder sein Haus mit jemandem teilt, will darauf vertrauen können, dass die oder derjenige sich verhält wie ein Gast. Wer in ein Auto aus einem Carsharing-Pool steigt, will, dass es sauber hinterlassen wurde und über eventuelle Schäden am Wagen informiert sein. Wer die Produkte künstlerischen Schaffens zur freien Nutzung zur Verfügung stellt, will oft nicht, dass diese kommerziell verwendet werden.

Was in kleineren Communities relativ einfach ausgehandelt werden kann, stellt in größeren Zusammenhängen oftmals ein Problem dar. Natürlich fließt in der Sharing Economy auch Geld, etwa für Vermittlungsleistungen oder in Form von mietähnlichen Zahlungen. Die eigentliche Währung sind allerdings Reputation und das Vertrauen, die die Nutzer solcher Systeme genießen. Reputation lässt sich in Online-Services teilweise abbilden, etwa durch Bewertungsmechanismen. Was dahinter steht, ist allerdings eine andere Denk- und Lebensweise. Deren Änderung ist ein notwendiger gesamtgesellschaftlicher Prozess, der länger dauert als ein durchschnittlicher Hypecycle.

Publikumsrechte

Ich hatte gestern die Ehre, bei der #ur21 Diskussion „Der Plan von der Abschaffung der Privatkopie“  am Podium zu sitzen. Eine gute Zusammenfassung von Patrick Dax gibt es auf futurezone.at zu lesen. Da ich nach wie vor nicht gern vor Publikum spreche, habe ich hier ein paar Gedanken zusammengetragen, die ich mehr oder weniger so auch in meinem Einleitungs-Statement zum Besten gegeben habe.

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Hacking Music

Hier ein Text, den ich für The Gap fabuliert habe. Der ist gleichzeitig auch eine Erinnerung an den überaus inspirierenden 29C3 (29th Chaos Communication Congress).

Hacks an musikalischer Hardware erleben eine Renaissance. Der deutsche Künstler Moritz Simon Geist will den Sound vom elektronischen Dogma befreien und hat dafür einen überdimensionalen Drumroboter gebaut. Der US-Amerikaner Moldover arbeitet mit seinem Mojo überhaupt an der »domination of the entire multiverse«.

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Blogpost der Vollständigkeit halber: „Die schönen Tage von Aranjuez“

Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft zumindest ein paar Zeilen über jeden Theaterbesuch, jedes Konzert oder jede andere halbwegs relevante kulturelle Aktivität zu posten. Es muss ja nicht immer eine ausführliche Besprechung sein. Ein, zwei Zeilen sollten als Gedächtnisstütze reichen. Und hier sind die zwei Zeilen zu Luc Bonys Inszenierung von Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“, die ich vergangenen Donnerstag im Akademietheater gesehen habe.

Zwei Schauspieler (Dörte Lyssewski und Jens Harzer) bemühen sich nach Kräften, Handkes flachen und kitschriefenden Text über die Liebe und das Leben ein paar Höhen und Tiefen zu geben. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

Verbot des Tages

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