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Blogpost der Vollständigkeit halber: „Die schönen Tage von Aranjuez“

Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft zumindest ein paar Zeilen über jeden Theaterbesuch, jedes Konzert oder jede andere halbwegs relevante kulturelle Aktivität zu posten. Es muss ja nicht immer eine ausführliche Besprechung sein. Ein, zwei Zeilen sollten als Gedächtnisstütze reichen. Und hier sind die zwei Zeilen zu Luc Bonys Inszenierung von Peter Handkes „Die schönen Tage von Aranjuez“, die ich vergangenen Donnerstag im Akademietheater gesehen habe.

Zwei Schauspieler (Dörte Lyssewski und Jens Harzer) bemühen sich nach Kräften, Handkes flachen und kitschriefenden Text über die Liebe und das Leben ein paar Höhen und Tiefen zu geben. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen.

Weltpolitik und Banalitäten: „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“

Roland Schimmelpfennig ist der meist gespielte Gegenwartsdramatiker Deutschlands. Mit Sicherheit ist „Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes“ am Wiener Akademietheater brilliant gespielt. Das Stück holpert trotzdem.

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Philotas im Vestibül: Es braucht nicht viel, um einen gelungenen Theaterabend zu schaffen

Im Vestibül des Burgtheaters wird der Beweis erbracht, dass es nicht viel braucht, um einen guten Theaterabend zu schaffen. Michael Höppners Inszenierung von Lessings Philotas kommt weitgehend ohne Pomp, Trara und bemüht kreative Regieeinfälle aus. Simon Kirsch spielt den jungen Heißsporn Philotas in einem kleinen Rechteck, nutzt den Raum voll aus, geifert, wütet, weint. Ein paar mit Bedacht gewählte Requisiten (Bett, Dusche, Fernseher) stellen das Gefangenenzelt dar, in dem er sein Schicksal beklagt, einen fatalen Plan entwirft und damit die Pattsituation nicht auflöst, sondern sie sogar auf Dauer festschreibt. Der Krieg zwischen den Land seines Vaters und dem von König Aridäus (gespielt von Markus Hering) geht weiter.
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Zu viele Ebenen? – Twitterprojekt Reichenau

Fundstück (Garderobenausgang)

Fundstück (Garderobenausgang)

Am vergangenen Freitag hat eine Runde von 11 Twitteristi sich redlich bemüht, der Bühnenfassung von Daniel Kehlmanns „Ruhm“ eine weitere Ebene hinzuzufügen. Gleich vorweg: Es ist nicht leicht, einer Theateraufführung zu folgen, dabei selbst Kommentare in ein Smartphone zu tippen und auch noch auf die Kommentare der anderen zu reagieren. Doch der Reihe nach.

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Das ist nicht der #Ruhm der Mobilfunker

Sehr geehrter Herr Kehlmann,

Gerald Reischl hat mich gefragt, ob ich dabei bin wenn die Theaterversion Ihres Erfolgsromans auf die Bühne der Festspiele Reichenau kommt. Ich darf während der Vorstellung sogar meinem Hang zum auf 140 Zeichen verdichteten Exhibitionismus nachgehen. Mach ich. Eh klar! Ich twittere sogar am Klo. Im Theater habe ich auch schon. (Das Stück hat mich gelangweilt.)

Zur Vorbereitung habe ich natürlich Ihr Buch gelesen. Und siehe da, Sie haben meinesgleichen zum Gegenstand einer Episode Ihres Romans „in neun geschichten“ gemacht. Ein vollkommen unmöglicher Typ, beschäftigt in der „Zentrale einer Mobiltelefongesellschaft“ mit einer üppigen Online-Präsenz. Kann es sein, dass Sie mich meinen? Wenn ja, dann muss ich ein paar Dinge gerade rücken:

Abgesehen davon, dass niemand aus der Branche von einer „Mobiltelefongesellschaft“ sprechen würde, sondern von „Anbieter“ oder „Hersteller“ (ich nehme an, Sie meinen „Anbieter“) bin ich gar keine so lächerliche Figur wie Mollwitt. O.k. – da kommt jetzt natürlich die für Kunst nötige Überhöhung dazu.

Fein jedenfalls, wie Sie mich in Ihrem Buch eingewoben haben in ein kunstvolles Geflecht aus Geschichten, Perspektivenwechseln und Sprachwitz. Da haben Sie sich bei meinem Alter Ego Mollwitt ja ordentlich ins Zeug gehaut: Anglizismen bis zum Abwinken. Und ganz schlimm: ins Deutsche rückübersetzte Begriffe. Mein Chef ist also „unkalt“.

Mit all dem könnte ich mich recht wohl fühlen. Immerhin bin ich Gegenstand eines Bestseller-Romans. Sie haben mir den titelgebenden Ruhm verschafft. Und doch kriegen Sie von mir keinen Dank. Niemals!

So sind wir nämlich nicht, wir Mobilfunker. Wir tun einen Job. Nicht mehr und nicht weniger. Manche von uns sind auch im Social Web sehr aktiv. Manchmal fahren wir auch auf Konferenzen. Dort halten wir auch Präsentationen. Aber sicher nicht über „Nationale versus Europäische Funknormen“ (Standardisierung im Mobilfunk ist nämlich international, das ist eines der Erfolgsgeheimnisse unserer Branche), auch nicht – wie Sie ein paar Seiten später schreiben – über „Europäische versus nationale Kommunikationsnormen“ (dazu können wir uns bestenfalls mit einer privaten Meinung äußern). Was Sie mit „nationalen Sicherheitsprotokollen für UMTS“ meinen, ist mir ein Rätsel. Jedes Netz verwendet seinen eigenen Verschlüsselungalgorithmus. Mit Nationalismus hat das nichts zu tun.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Das bringt allerdings nichts. Sie sind Schriftsteller. Anerkannt, preisgekrönt und das vergönne ich Ihnen. Ehrlich! Ich bin Mobilfunker, lange schon. Und Kultur mag ich auch. Mehr und vor allem anders als Ihr Mollwitt. Daher werde ich in Reichenau die Chance nutzen, die Sie Rosalie, der Hauptperson in einer der neun Episoden, verwehrt haben. Rosalie wollte mit dem Autor, ihrem Erfinder über den Fortgang ihrer Geschichte verhandeln. Das werde ich am Freitag in Reichenau auch tun. Mit Ihnen. Der Hashtag lautet #ruhm.

Bis dann Herr Kehlmann!

P.S. Sollte ich mal ein Buch über Sie schreiben, werde ich gründlich recherchieren!

Hier Gerald Reischls Zusammenfassung zum Projekt.

Dass ein „Mobilfunker im Brotberuf“ einen anderen Zugang zu Ihrem Buch haben kann, ist hier nachzulesen.

100 Prozent Wien: Statistik ist langweilig

Gestern kam ich per Zufall und gänzlich unvorbereitet in den Genuss einer Produktion der Wiener Festwochen. Dem inszenierenden Rimini Protokoll eilt ja ein guter Ruf voraus. Sie arbeiten mit so genannten Experten der Wirklichkeit und selbst wenn sie sich Bühnentexte vornehmen, dramatisieren sie nicht diese selbst, sondern lassen Menschen ihre persönlichen Beziehungen zum Text in einer Art dokumentarischen Spiel reflektieren. Warum also nicht auch das Zahlenwerk des Statistischen Jahrbuchs auf die Bühne bringen?

Was als Idee ganz interessant klingt – nämlich der Statistik durch 100 prototypische Vertreter aller demografische Gruppen Wiens Gesichter zu geben  – wird spätestens nach dem Eröffnungsreigen zur Qual für die Zuseher. Da rennen die Darsteller bei Fragen wie „Sind Sie für die Wiederinführung der Todesstrafe?“ von „Ja“ nach „Nein“. Da heben sie grüne und weiße Taferl und signalisieren so Zustimmung oder Ablehnung zu gewissen Aussagen. Das hat dann bestenfalls den Charme einer Millionenshow. Ganz übel wird’s als auch noch eine Jazzband versucht, dem öden Treiben ein wenig Schwung zu geben. Fatima Spar and the Freedom Fries bringen beschwingten Konsens-Gipsy-Swing auf die Bühne und lassen das Unterfangen gänzlich in den Abgrund kippen. Am amüsantesten sind da noch die paar Kleinkinder, die – die Choreografie missachtend – unbeholfen auf der Drehbühne herumtollen. Dass Statistik durchaus mit ästhtischem Anspruch präsentiert werden kann zeigt das Programmheft. Das ist nämlich geschmückt mit Grafiken Otto Neuraths.

Details gibt’s hier.

Othello: „Love will tear us apart“ klingt anders

Ich hatte Joachim Meyerhoff als grandiosen Mephisto und Katharina Lorenz‘ vielschichtige Deutung von Gretchen in Erinnerung als ich mich ins Akademietheater zu Othello auf den Weg machte.

Meyerhoff als linkisch cooler Othello

Meyerhoff als linkisch cooler Othello

Regisseur Jan Bosse hat aber meine Erwartungen schnell zurück gestutzt. Meyerhoff war mit seinen linkischen Bewegungen und seinem eigenartigen Sprachduktus – um es vorsichtig zu formulieren – zwar ein „interessanter“ Othello und konnte ob seiner physischen Präsenz überzeugen. Aber irgendwie kam das Stück den ganzen Abend lang nicht so richtig in Fahrt. Da gab es zwar ein paar kreative Regie-Einfälle wie etwa die Windmaschinen,  die von der Seite einen Eindruck von Sturm in den Zuschauerraum bliesen oder die lustvoll- anarchistische Zerstörung des Wohnzimmerbühnenbildes gleich zu Beginn des Abends. Allerdings konnte Bosse das Stück nicht als große Tragödie im Sinne Shakespeares auflösen. In der ersten Hälfte deutete er es in Richtung Boulevardkomödie. Als unterhaltsames Beziehungs-Stück, das auf Volksbühnen sicherlich als avantgardistisch wahrgenommen würde, eben weil die Darsteller auf den Trümmern eines Wohnzimmers herum turnen mussten.

In der zweiten Hälfte konnte nicht einmal Meyerhoff als ganzkörpergeschwärzter Othello den Furor, den der Autor in sein Stück gelegt hatte, wirklich in Fahrt bringen. Eine der größten Enttäuschungen war Desdemona. Katharina Lorenz war weder göttlich, noch konnte sie ihre Verwirrung ob des aus ihrer Sicht grundlos tobenden Ehemannes glaubhaft zum Ausdruck bringen. So bleibt neben Meyerhoffs eigenwillig kauziger Othello-Darbietung nur noch Edgar Selge als Jago zu erwähnen. Er spielte den intriganten Fähnrich als Fiesling der ständig zwischen Naivität und gefährlicher Boshafitgkeit wechselte. In Shakespeares Stück liegen trotz der relativ banalen Handlung so viele Abgründe (einer der trotz schwarzer Hautfarbe General wird und auch die Tochter eines Senators verführt, Neid und Missgunst, verratene Liebe…), die Inszenierung hat all das großräumig umfahren und wollte nicht mehr und nicht weniger als einen unterhaltsamen Theaterabend bieten. Alleine die Auswahl von „Love will tear us apart“ von Joy Division und „Woman is the nigger of the world“ von Patti Smith zeigt, dass das in der Form nicht gelingen kann.

Warten auf Godot – Die Leerstelle mit Klamauk gefüllt

Warten auf Godot (c) Georg Soulek

Warten auf Godot (c) Georg Soulek

Vergangenen Donnerstag habe ich Matthias Hartmanns „Warten auf Godot“ im Burgtheater gesehen. Die Inszenierung ist ein „Import“ aus Bochum, wo sie vor allem wegen Harald Schmidt als Diener Lucky für Aufsehen sorgte. In Wien nimmt Marcus Kiepe als Lucky den Befehl zum Denken von Pozzo entgegen.

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Faust I – Wenn der Ersatz zur Sensation wird

(C) Georg Soulek / Burgtheater

(C) Georg Soulek / Burgtheater

Matthias Hartmann hat sich für die aktuelle Burgtheatersaison einiges vorgenommen: gleich beide Teile von Goethes Klassiker. Ein Monsterprojekt also. Ich hatte vorigen Samstag die Gelegenheit, Faust I zu sehen. Dankenswerterweise hat mir Christian Köllerer seinen Aboplatz im Parkett überlassen. Ich bin ja grundsätzlich skeptisch, wenn Klassiker neu aufgeputzt werden. Allzu oft geschieht das mit linkischen Querverweisen auf die gegenwärtigen Weltläufte – sei es mit bemüht-beherzt eingestreuten Hinweisen im Text oder mit zeitgemäßem Aufputz im Bühnenbild oder bei den Requisiten. Hartmann hat sich hier zurück gehalten. (Mal abgesehen vom Apple Notebook, dass Faust zu Ende des Anfangsmonologs zertrümmert.) Das Bühnenbild ist spartanisch aber wirkungsvoll und nutzt die gesamte Bandbreite der Technik und zwar mechanisch wie multimedial; eine herrlich surreale Umgebung für ein intensives Schauspiel, bei dem sehr genau auf den Rhythmus des Textes geachtet wurde.

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Verbot des Tages

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