werquer.com - kultur, leben, politik und technologie quer gedacht
Icon

Arachnoidalzyste!

Ich habe den Befund noch immer, der mir damals 2002 einen riesigen Schrecken und zwei schlaflose Nächte bereitet hat. Arachnoidalzyste stand da drauf. Arachnoidalzyste! In meinem Kopf!

Ich hatte damals dauerhafte, rasende Kopfschmerzen, kombiniert mit Schwindelgefühl. Sehr unangenehm. Auf der Suche nach den Ursachen schickte mich mein Hausarzt auch zum „CT des Hirnschädels“. Gemacht habe ich das in einem Ambulatorium. Dort waren die Bilder dann auch abzuholen. Ihnen beigelegt war ein Zettel auf dem stand unter anderem:

 „Im Bereich der Inselzisterne links zeigt sich eine rundlich konfigurieren Hypodensität von unser 1 cm DM, möglicherweise einer Arachnoidalzyste entsprechend.“

Und weiter unten in der Ergebnis-Rubrik:

„Verdacht auf kleinste Arachnoidalzyste in der linken Inselzisterne“

weiter »

werquer – Allein auf der Cryptoparty

Die NSA will alles wissen. Der Geheimdienst will sich auf alles Zugriff verschaffen, was es im öffentlichen Teil des Internets gibt. Und er ist dabei ziemlich erfolgreich. Diese Erkenntnis ist mittlerweile ins Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit gesickert. Wir können das hinnehmen oder Mittel der digitalen Selbstverteidigung ergreifen. Eines davon ist die Kryptografie. Auch das sickert schön langsam. Wer sich mit dieser Materie beschäftigt, wird erstmal mit Fachvokabular erschlagen und hört dann Experten, die eingestehen, dass die Bedienbarkeit der dafür nötigen Tools noch lange nicht dort ist, wo sie für andere Anwendungen schon längst ist.

weiter »

Die Nerds vertrauen ihren Spielzeugen nicht mehr

Eines gleich vorweg: Ich bin keiner, aber ich kenne einige Nerds – also besonders in Computer, Science-Fiction oder andere Bereiche aus Wissenschaft und Technik vertiefte Menschen. Ich kenne auch einige, die die „begleitende Eigenschaft“ des überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten aufweisen. In letzter Zeit habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie irgendwie resignieren. Sie vertrauen ihren Spielzeugen nicht mehr.

Bis vor kurzem war das Narrativ zum Internet positiv grundiert. Die Nerds haben in dieser Geschichte eine wesentliche Rolle gespielt. Sie haben vorgezeigt, wie man sich durch geschickten Einsatz von Technologien Freiräume verschaffen kann. Sie haben vorgelebt, wie man geniale Dinge im Netz ohne straffe, zentrale Projektorganisation umsetzt (Wikipedia, Bitcoin, you name them….). Die Nerd-Kultur ist eine Kultur des Experiments und des spielerischen Umgangs mit Technologien. So mancher Nerd hat mit einem Hack Sicherheitslücken in einem System aufgezeigt und die Betreiber so gezwungen, diese zu schließen.

Kein Nerd hat jemals behauptet, das alles im Netz gut ist. Doch jeder hatte eine Idee, wie man es sich darin halbwegs bequem einrichten kann, wo man eine Alternative zu einer Software oder Plattform findet, die sorgsamer mit den eigenen Daten umgeht, wie man mit ein paar einfachen Tricks verhindert, dass das Notebook oder Smartphone „nach Hause“ telefoniert.

Das hat sich gewandelt. So ist zumindest meine Beobachtung. Durch die Enthüllungen von Edward Snowden ist bekannt geworden, dass das Ausmaß der Überwachung im Netz größer ist als in den düsteren Geschichten derer, die es ohnehin schon immer wussten. Das Netz ist ein ungemütlicher Ort geworden. Sich darin ein gemütliches Plätzchen zu schaffen, ist heute de facto unmöglich. Kein Wunder, dass da die Lust am Experimentieren und Spielen sinkt. Und so beschäftigen sich die Menschen mit der begleitenden Eigenschaft des überdurchschnittlichen Intelligenzquotienten weniger damit, das Maximum aus ihren Spielzeugen herauszuholen, sondern mit Encryption.

Regierungen – allen voran die US-amerikanische – behaupten, dass ihre flächendeckenden Überwachungsmaßnahmen und ihre Vorratsdatenspeicherung der Terrorismusbekämpfung dienen. Nennenswerte Erfolge können sie nicht vorweisen. Allerdings haben sie jede Menge Kollateralschäden angerichtet. Einer davon ist, dass diejenigen, die bislang Technologie am konsequentesten als Enabler für mehr individuelle Freiheit gedacht und eingesetzt haben, ihren Spielzeugen nicht mehr vertrauen können.

So, und jetzt sagt mir bitte, dass meine Beobachtungen falsch sind!

Dieser Text ist ein Beitrag zur twenty.twenty-Blogparade, bei der Mal die Frage nach dem „Digitalen Vertrauen“ gestellt wurde.

Seid gewarnt vor Blackberry!

Diesen Hilferuf habe ich in Richtung des Mobilfunkbetreibers meines Vertrauens abgesetzt. Ich poste ihn auch hier, um alle zu warnen, die sich mit dem Gedanken zu tragen, ein Smartphone der Marke Blackberry zu kaufen.

Blackberry (ehemals RIM) hat mir in den vergangenen Wochen viel Leid angetan.

weiter »

Der geteilte Tod

Gestern ist Lou Reed gestorben. Ich habe von seinem Tod via Twitter erfahren und war nur einen Augenblick später Teil des großen Socialmediagedenktrosses. Auch ich habe seine künstlerischen Großtaten gelobt, habe versucht zu beschreiben, was seine Musik für mich bedeutet hat und ich habe auf meine Art von ihm Abschied genommen. So wie Tausende und Abertausende andere auch. Social Media haben uns gestern wieder Mal die Plattformen für eine spontane weltweite Trauerfeier geboten.

Bei Personen, die diese Welt ohne den Kultstatus eines Lou Reed verlassen, funktioniert das eigentlich nach dem gleichen Schema. Die Hinterbliebenen (was für ein seltsames Wort!) posten über ihre Hilflosigkeit mit dem Verlust umzugehen und merken dabei, dass sie damit nicht alleine sind. Es hilft, den Schmerz, die Ratlosigkeit und die Verzweiflung über den Tod des geliebten, geschätzten oder auch nur verehrten Menschen zu teilen.

Apropos „Teilen“: Das ist ja das Mantra jedes Statements über die Verfasstheit des Internet. „Sharing“ ist doch, wofür dieses Netz entwickelt und gebaut wurde.  Und wie das mit dem geteilten Leid ist, ist allgemein bekannt. Eine wunderbare Deckungsgleichheit von Trauer und Netz.

Erst kürzlich habe ich das selbst erfahren. Einer, der so gar nichts von einem Lou Reed hatte, ist gegangen. Mir ist nichts Besseres eingefallen, als meine Ratlosigkeit darüber zu teilen. Ich wollte irgendetwas dazu hören, eine Reaktion erhalten. Also habe ich meine Gedanken veröffentlicht. Ich habe gesehen, dass der Beitrag gelesen wurde. Habe Reaktionen darauf bekommen. Mitleid. Beileid. (Auch so seltsame Worte.) Das hat gut getan. Irgendwie.

„Gemeinsam trugen sie den auf eine grüne siebensprossige Leiter gebundenen Leichnam ans Ufer des Ganges und tauchten ihn – der Knabe wohl fünf Meter voraus in den Fluß hineingehend – ins heilige Wasser hinein, so daß der Junge zwischen orangefarbenen, gelben und weinroten Blumengirlanden, zusammengeknüllten farbigen Leintüchern und zwischen den schwimmenden schwarzen Holzkohlestücken im Wasser stand. Sie tauchten den auf der Bambusleiter liegenden Toten mehrmals unter, bis auch der Kopf unter dem Wasserspiegel verschwand, hoben ihn wieder auf und trugen ihn, während das Flußwasser vom Toten und von der Bahre zurückrann, ans trockene Ufer.“

Wir teilen den Tod. Wir teilen die Trauer. Es hilft uns irgendwie. Der Tod gehört allen. Irgendwie. Das Sterben gehört den Sterbenden alleine. Ein kleines Stück gehört vielleicht noch den Wenigen, die am Sterbebett sitzen und die erkaltende Hand halten. Allzu oft sitzt da aber niemand. Das Sterben ist nicht geeignet geteilt zu werden. Nur wenige Sterbende lassen andere auf Social Media daran teilhaben. Einer, der das getan hat, war der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf. Er hat sein Sterben auf seinem Blog „Arbeit und Struktur“ dokumentiert (siehe hier).

„Ein toter zwölfjähriger, in ein weißes Baumwolltuch eingewickelter und mit Hanfschnüren Junge wurde mit einen Boot, auf dem mehrere Männer saßen, gegenüber dem Harishchandra Ghat in die Flußmitte hinausgerudert. Als einer der Männer am Bug des Bootes den schweren Stein, auf dem der Leichnam aufgebunden war, noch einmal zurechtrückte, bewegten sich die über den Bootsrand hängenden und knapp über der Wasseroberfläche pendelnden Füße des Knaben, so daß ich im ersten Moment glaubte, der Junge werde sich noch einmal erheben und über das Wasser zum Einäscherungsplatz zurückspazieren.“

Es ist doch so: Der überwiegende Teil derer, die sich über den Tod von Lou Reed geäußert haben, wusste nichts über seine Krankheit und sein Sterben. Auch ich habe nichts von seiner Lebertransplantation und seiner Krankheit mitbekommen. Trotz Social Media.

„Ein auf ein Bambusgerüst aufgebundener, in vergoldete Kunststofftücher eingewickelter Toter wurde am ewig brennenden Feuer vorbei von vier jungen, immer wieder ‚Ram Nam Satya hai!‘ rufenden Männern über die Steinstufen hinunter ans Ufer des Ganges getragen. Ein Knabe mit einem Bündel brennender, nach Magnolien riechender Räucherstäbchen führte den Leichenzug an.“

Bei twenty.twenty soll über Zukunftsszenarien diskutiert werden. Dieses Mal geht es um den Tod. (Zukunftsszenarien für den Tod sind überhaupt sehr seltsam.) Ich versuche es trotzdem: Meiner Meinung nach hat das Netz und alles was da an Möglichkeiten des Self Publishing und des Austausches gegeben ist, sehr viel Potenzial, wie Menschen anders, individueller und vielleicht auch besser mit Trauer und Verlust umgehen können.

Gerade in einem Land, wo die Trauer in stumpfen Ritualen erstarrt ist, kann es hilfreich sein, wenn die Menschen individuellere Möglichkeiten finden, ihren Schmerz und ihre Ratlostigkeit auszudrücken als in den immer gleichen  Antoine de Saint-Exupéry-Zitaten auf Partezetteln und in noch hohleren Sprüchen auf Kranzschleifen.  In diesem rosenkranzbetenden Land brauchen die Menschen mehr als anderswo neue Möglichkeiten, Abschied zu nehmen und sich dabei gegenseitig ihrer Trauer zu versichern. Da glaube ich an das Potenzial des Teilens. Das Sterben wird wohl – auch wenn manche noch so vehement das Zeitalter der Postprivacy ausrufen – weiterhin den Sterbenden alleine gehören.

Dieser Text ist ein Beitrag zur twenty.twenty Blogparade zum Thema „Tod im Netz“.

Die Zitate sind aus Josef Winklers Roman “Domra. Am Ufer des Ganges“ (Erschienen bei Suhrkamp, Erste Auflage 2000)

Das Bild habe ich auf einem Friedhof in Pu&#322tusk (nahe Warschau) aufgenommen.

Creative Commons Lizenzvertrag
Es steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Österreich Lizenz
Namensnennung: Werner Reiter (werquer)

Was es ist. (2,014 Milliarden für Mobilfunkfrequenzen)

Es ist Unsinn

sagen die, die mitgeboten haben

Es ist was es ist

sagt die Finanzministerin

 

Es ist Unglück

sagen die Konsumentenschützer

Es ist nichts als Schmerz

sagen die Aktionäre

Es ist aussichtslos

sagen die Kunden

Es ist was es ist

sagen die Netzbetreiber

 

Es ist lächerlich

sagen die Medien

Es ist leichtsinnig

sagen die Betriebsräte

Es ist unmöglich

sagt die Erfahrung

Es ist was es ist:

2.014 Milliarden Euro

(Können wir einen Teil des Geldes wieder in den Breitbandausbau investieren?)

Ach Neuland!

This one goes out to all the Internetversteher:

Nichts liegt mir ferner als die Politik der deutschen Bundeskanzlerin zu verteidigen. Wenn Angelika Merkel aber sagt, dass das Internet für uns alle „Neuland“ ist, dann muss ich ihr Recht geben. Den Spott, der da über sie hereinbricht, verdient sie nicht.

weiter »

Verkehrsschollen

Es gibt zwei Arten, wie man das Thema Mobilität verstehen kann. Die eine bezieht sich auf Informationstechnologien und die zweite auf die Fortbewegung im Raum. (Die soziale Mobilität lasse ich hier einmal außer Acht.)

Das Pardoxe dabei ist, dass die Geschichte beider Mobilitätsformen von steil nach oben zeigenden Wachstumskurven geprägt war (und größtenteils noch ist). In meinem Bücherregal steht „Mobilität ohne Grenzen? Vision: Abschied vom globalen Stau“ von Jakob Maurer und  Martina Koll Schretzenmayer. Das ist nicht mehr ganz neu (erschienen im Jahr 2000), aber immer noch gültig.

Die Autoren beginnen –  wie es sich für gute Autoren gehört – am Anfang der Menschheitsgeschichte:

„Die Informationsübermittlung war an physische Transportmittel gebunden und langsam. Wenige konnten sich über weite Distanzen bewegen oder sich darüber verständigen.“

Dann kamen die ersten Telegrafen und heute stehen wir bei einer Übertragungsgeschwindigkeit von „bis zu“ 150 Mbit/s in LTE-Netzen. Wir können immer und überall online sein und uns live und in Farbe über Videochats in brauchbarer Qualität mit Menschen am anderen Ende der Welt unterhalten.

Gleichzeitig entwickeln sich aber auch die klassischen Fortbewegungstechnologien weiter und werden immer schneller. Züge erreichen Spitzengeschwindigkeiten von 574,8 km/h (Rekord aus dem Jahr 2007) und selbst bei Elektroautos, die ja als die sauberere Alternative zu Fahrzeugen mit Brennstoffantrieb gehandelt werden, arbeitet man an Geschwindigkeitsrekorden (437,318 km/h im Jahr 2004). Doch nicht nur die Geschwindigkeiten werden höher, auch das Verkehrsvolumen steigt. – In den Daten- und auch in den Verkehrsnetzen. Die „informationelle Mobilität“ ist scheinbar keine wirkliche Alternative zur „räumlich-zeitlichen Mobilität“.

Warum ist das mit der Vernetzung so schwer?

Zwar gibt es einige positive Zeichen, die darauf hindeuten, dass das „automobile Leitbild“ [1] langsam durch andere, weniger ressourcenintensive Mobilitätsformen ersetzt wird, dass sich das Prinzip „Nutzen statt besitzen“ [2] langsam durchsetzt und dass Fußgängern und Radfahrern in Städten mehr Raum gegeben wird. Eine Entwicklung in Richtung multimodaler Verkehrssysteme bringt aber höheren Koordinationsaufwand. Wer nicht mehr mit dem eigenen Auto von der Garage zum Arbeitsplatz und wieder zurückfährt, wird öfter umsteigen müssen und dabei Services unterschiedlicher Anbieter nutzen. Und das muss geplant werden.

Derzeit stellt sich die Lage meist noch so dar, wie in dem Bild oben: Jedes Verkehrsmittel treibt für sich auf einer Eisscholle. Informationstechnologien sind ganz gut dazu geeignet diese Schollen zu überwinden. Technisch gesehen. Praktisch gesehen ist jede Menge kaltes Wasser dazwischen. Viele unterschiedliche Player bewegen sich am Mobilitätsmarkt und die meisten denken bei der Mobilität der Zukunft an die Businessmodelle der Zukunft und wie sie ein möglichst großes Stück des Kuchens bekommen können. Daher sind auch sehr vorsichtig, wenn es um den Austausch von Daten, die Öffnung von Interfaces oder die Einigung auf gemeinsame Standards geht. Das ist wäre aber nötig, um Anwendungen zu entwickeln, die den Verkehrsteilnehmern  die Koordination ihrer individuellen Mobilität ermöglichen (die Anforderungen sind so vielfältig wie die Menschen es sind) und die eine Steuerung von Verkehrsflüssen erlaubt, die schnell auf aktuelle Entwicklungen eingehen kann (Umleitungen, kurzfristiges Bereitstellen zusätzlicher Kapazitäten im öffentlichen Nahverkehr).

Und warum ist die Vernetzung dennoch wichtig?

Aus meiner Sicht führt kein Weg daran vorbei, besseres Interworking der einzelnen Verkehrselemente zu ermöglichen. Nur dann kann Mobilität tatsächlich so funktionieren, dass Menschen auf umweltfreundliche Verkehrsmittel umsteigen. Dann sind sie nämlich nicht nur günstiger als das Auto, sondern auch um ein Vielfaches attaktiver.

Ich wage jetzt einmal zu behaupten, dass sich durch Datenaustausch und offene Schnittstellen auch interessante Businessmodelle im kalten Wasser entwickeln lassen. Man muss sich nur trauen reinzuspringen.

Dieses ist mein Beitrag zur twenty.twenty Blogparade. Das Thema dieses Mal lautet „Seamless Mobility„.

[1] Zukunft der Mobilität. Szenarien für das Jahr 2030; Institut für Mobilitätsforschung (Hrsg.) 2010, S. 7

[2] Siehe etwa die aktuelle Studie„Mobilität und Transport 2025+“ des VCÖ

Das verwendete Bild ist von Jason Auch (originally posted to Flickr as IMG_0263) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons Die Zeichnungen sind von mir.

Netzneutralität

Bild klicken und in voller Größe genießen.

Das mit der Netzeutralität ist so eine Sache. Da gibt es ein paar, die permanent davor warnen, dass sie nicht gefährdet/auf’s Spiel gesetzt/eingeschränkt werden darf. Und da gibt es andere, die so gar nichts mit all diesen Warnungen anfangen können.

Ich habe mal versucht, die zwar hatscherte aber doch irgendwie einprägsame Metapher der Datenautobahn (ja, die ist noch immer nicht ganz tot) zu nehmen und sie auf die Netzneutralität umzulegen.

weiter »

Unfaire Gadgets? Keine Sorge, wir verpassen die Zukunft nicht!

Da hängt es: Ein Handy;  feinsäuberlich in seine Einzelteile zerlegt und getrennt. Gleichzeitig hängt da ganz schön viel schlechtes Gewissen. Wir alle wissen, dass entlang des gesamten Produktlebenszyklus unserer elektronischen Spielzeuge vieles im Argen liegt. Und dennoch wollen wir die Dinger haben. Am besten immer die neuesten Modelle. Mit ihnen sind wir nämlich schneller in der Zukunft. Das stimmt und es stimmt auch nicht.

Wir kennen die Berichte von unmenschlichen Arbeitsbedingungen beim Abbau der Rohstoffe, die in unseren Gadgets stecken. Wir wissen auch, dass der Krieg im Kongo zu einem beträchtlichen Teil damit finanziert wurde. Uns ist bekannt, dass die Arbeitsbedingungen in den Fertigungsstätten in Südostasien nicht gerade menschenfreundlich sind. Wie denn auch? Die Produktionskosten für das iPhone 5 betragen laut iSupply gerade mal 8 US-Dollar. Die Arbeiten werden von Menschen erledigt, weil die flexibler einsetzbar sind als Maschinen. Diese Menschen verdienen im Vergleich zu anderen in der Region nicht einmal schlecht. Dafür müssen sie aber arbeiten wie Maschinen. Hinzu kommt, dass die Gadgets nur mehr in den seltensten Fällen austauschbare Ersatzteile haben. Wenn das Ding kaputt ist, ist es kaputt. Sondermüll. Es kann bestenfalls noch feinsäuberlich getrennt und geschreddert werden wie auf dem Foto oben. Das ist insofern egal als wir ja ohnehin schon das neueste Modell haben wollen; haben müssen. So sagt es uns das Marketing.

“One of the biggest problems with technology is that it’s largely fashion-driven: by the time new hardware goes on sale, everybody’s already focusing on the next generation”,

schreibt Gary Marshall auf techradar. Und er hat recht. Habt ihr euch schon mal überlegt, wie Apple das macht? Zweimal im Jahr werden neue Produkte vorgestellt und jedes zweite Release des iPhone ist ein „Major Release“, den man haben „muss“, um mitreden zu können. Um dabei zu sein. Andere Hersteller halten es ähnlich bzw. lassen sich von Apple vor sich hertreiben. (Darüber habe ich mich im September schon einmal alteriert.)

Entspannen bitte!

Also, wir wissen das alles. Wir würden auch gerne anders, aber es fehlen die Alternativen. Wir wollen – ja wir müssen –  in die Zukunft! Gute Technologie – richtig eingesetzt – macht uns ein Stück weit freier, hilft Hierarchien und Zugangsbarrieren zu Wissen abzubauen; vernetzt uns mit Menschen und Rechnern auf der ganzen Welt. So die idealistische Vorstellung. Die pragmatischere Version davon besagt, dass nicht jede technologische Neuerung uns automatisch in diese Zukunft befördert. Manchmal ist sogar das Gegenteil der Fall (als Stichworte seien hier nur „Tracking“ und „Tracing“ genannt). Die Emanzipation des oder der einzelnen durch Digitalisierung und Vernetzung ist gar nicht so sehr von der Hardware abhängig wie uns das die Marketing-Wuzzis  von Apple und Co suggerieren. Und es ist noch lange kein Konsumverzicht, wenn wir nicht alle Release-Sprünge mitmachen. Wir kommen auch so in die Zukunft.

Informieren bitte!

Am 29. Chaos Communication Congress hat  Sebastian Jekutsch vom  Forum InformatikerInnen für Frieden und gesellschaftliche Verantwortung (FifF) die Frage gestellt: „Sind faire Computer möglich?“

Die Antwort in aller Kürze: Ja, sie sind möglich, aber wir sind erst ganz am Anfang des Weges dorthin. Es gibt gute und wichtige Initiativen, wie etwa die Computermäuse von Nager-IT oder eben das Projekt FairPhone, das Joe Mier beim nächsten twenty.twenty am 13. Februar 2013 vorstellen wird. Es gibt auch einige darüber hinausgehende Ideen wie etwa die der Energiegewinnung durch Bedienung eines Touchscreens  (wie etwa beim Eco Pad von Fujitsu).

Es gibt also Alternativen bzw. wird es in absehbarer Zeit noch mehr geben. Wenn wir in Richtung Zukunft wollen, dann sollten wir die nutzen. Und wo es noch keine Alternativen gibt, dort können wir zumindest die Hersteller unterstützen, die nicht ganz so „totally evil“ (Gery Marshall) sind wie andere. Da helfen diverse Ratings (wie etwa die von O2 oder Vodafone)  schon ein Stückchen weiter. (Mit dem politischen Druck, den ich in meinem Post vom September angesprochen habe, würde es noch deutlich schneller gehen.)

 

[Ach ja! # 1] Das geschredderte Handy habe ich von A1 bekommen. Dort gibt es nämlich die Möglichkeit, alte Geräte recyceln zu lassen. 

[Ach ja! # 2] Dieser Text ist mein Beitrag zur twenty.twenty Blogparade „Mündiger Gadget-Konsument – was nun?“ 

[Ach ja! #3] Auf der Website von twenty.twenty gibt’s ein Voting, wie viel mehr Euch faire Gadgets wert wären. Mitmachen!

Verbot des Tages

Verbot des Tages

Was sind dir deine Grundrechte wert?

Jetzt für epicenter.works spenden! spenden.epicenter.works

Kategorien

Archiv

About/Impressum

Verbot des Tages