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Hinterhofgeschichte

Ich gehe gerne in Hinterhöfe. Die verraten viel mehr über das Leben der Menschen, die in den Häusern leben und arbeiten, als herausgeputzte Fassaden. In Hinterhöfen entdecke ich immer wieder Artefakte, die mir Geschichten erzählen. Oder besser, die ich in meinem Kopf zu Geschichten zusammenfüge. Heute ist mir im 6. Wiener Gemeindebezirk eine Geschichte begegnet, die mich nachdenklich und verdammt wütend macht. Den Stoff zum Nachdenken bietet ein junger Mann, der derzeit in der Justizanstalt Gerasdorf „untergebracht“ ist.

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der dramolette dreizehnter teil

(michael jeannée betritt leicht wankend die räumlichkeiten des presserates.)

presserat: wie immer, herr jeannée?

jeannée: ja, wie immer.

presserat: bitte sehr! eine verwarnung wegen verstoßes gegen den ehrenkodex und ein achterl vom hauswein.

Die Angst

Als Kind war ich Schlafwandler. Da geschah es oft, dass ich mitten in meinem stockdunklen Zimmer aufwachte. Ob die Nächte damals finsterer waren oder ob es an den dicken Vorhängen lag, kann ich heute nicht mehr sagen. Jedenfalls sah ich nichts. Nicht einmal den schmalen Lichtschein, der unter der Tür leuchtete solange meine Eltern wach waren. Ich konnte mich nicht orientieren, wusste nicht, wo vorne und hinten ist. Wusste nicht, wie ich an die Stelle gekommen war, an der ich aufgewacht bin. Wusste nicht, wie ich wieder ins Bett zurückfinden sollte. Es blieb mir nichts anderes übrig, als mich auf den Boden zu knien und mich mit den Händen langsam vorwärts zu tasten. Ich wollte meine Mutter nicht um Hilfe rufen, weil mir die Situation, in der ich mich befand, so absurd vorkam. Ich stieß mir den Kopf an Dingen, die ich an dieser Stelle nicht vermutete, bekam Gegenstände zu fassen, die hart und fremd waren. Wenn ich an eine Wand kam, konnte ich mich nicht entscheiden, in welche Richtung ich mich weiterhanteln sollte. So habe ich die Angst kennengelernt.

an der grenze

keine ahnung, wie ich hierher gelangt bin
an diese grenze
weiß nur, dass es wenig bringen wird, auf der anderen seite „asyl!“ zu rufen

schleiche im niemandsland herum
bis auf weiteres
hoffe, dass mich das bläuliche licht der suchscheinwerfer nicht aufstöbert
dass der rote punkt des zielfernrohrs meine haut nicht kitzeln wird

Anagram

GROSSFLÄCHIGE ÜBERWACHUNG DER FREIEN INTERNETKOMMUNIKATION

 

O, ER TRÄGT GENUG KOT!

WAHNIDEEN IM ÜBERFLUSS.

KANN ICH FREI MIR…?

NO!

CE (Conformité Européenne)

Ein Kind. Ein Traum.

Als ich Kind war besuchte mich immer wieder derselbe Traum. Schreckte mich auf und ließ mich ratlos zurück. Er führte mich auf verschiedenen Wegen an den Tod. Wollte, dass ich aus Fenstern falle oder von Bäumen, die ich erklettert hatte. Ließ mich von großen schweren Autos überfahren. Meine Knochen waren zerschmettert, die Eingeweide hingen mir als blutiger Brei aus den Wunden, mein Hirn war ausgetreten. Doch das war nicht das Schlimmste für mich. Das Schlimmste war, dass die Zeit jedes Mal zurückgespult wurde wie ein Film. Ich war gezwungen, an einem Zeitpunkt weiterzuleben, der kurz vor dem blutigen Ereignis lag. Die Dinge entwickelten sich anders beim zweiten Durchlauf. Überhaupt nicht mehr spektakulär. Nie durfte ich erfahren, wie die erste Version der Geschichte weiterging. Und das obwohl ich ganz sicher wusste, dass ich tot war.

Er. (Versuch eines Abschieds)

Ich habe ihn kaum gekannt. Er hat mir nie auch nur ein Detail aus seinem Leben selbst erzählt. Reden war nicht seine große Stärke. In groben Zügen kenne ich seine Geschichte von der Mutter meiner Freundin. Dass das keine schöne Geschichte gewesen sein kann, war ihm anzusehen.  Das hat man auch gespürt, wenn man neben ihm saß. Einmal ist er länger neben mir gesessen. Das war, als wir versucht haben, seine Schallplatten zu verkaufen. Wir haben sie ins Auto gepackt und sind damit zu einem Händler gefahren, von dem ich weiß, dass er niemanden über’s Ohr haut.

Das einzig Kraftvolle an ihm waren seine Hände. Richtige Arbeiterhände, denen man ansah, dass er früher mal zupacken konnte.  Ansonsten war nicht mehr viel von ihm übrig. Er wog vielleicht 40 Kilo, seine Augen lagen tief in den Höhlen und seine Gesichtszüge waren wie versteinert.

Die Schallplatten waren sein kleinstes Problem. Ich muss aber davon erzählen, weil ich ihn eigentlich nur deswegen kennengelernt habe und weil sie – für mich – eine Erklärung liefern, wie er gedacht hat. Er brauchte Geld. Die Mutter meiner Freundin weiß, dass ich mit Musik einigermaßen auskenne. Vielleicht wäre ja was in seiner Sammlung, das mich interessiert. So war’s dann auch. Ich hatte mir einen kleinen Stapel ausgesucht und ihm eine viel zu hohe Summe dafür angeboten. Das war ihm aber zu wenig. An den zerkratzten Vinylscheiben und den abgegriffenen Covers hingen zu viele Erinnerungen. Die konnte und wollte er für diesen Betrag nicht aufgeben. Also bot ich ihm an, mit ihm und den Plattenkisten zu einem Händler zu fahren und den mal einen Preis nennen zu lassen. Er sollte wissen, dass ich ihn nicht bescheißen will. Das Angebot des Händlers für die ganze Sammlung war in etwa so hoch wie der Preis, den ich für den kleinen Stapel geboten hatte. Also nahmen wir die Kisten wieder und brachten sie zurück. Er hat es sich nicht nehmen lassen mit anzupacken. Noch nie habe ich einen Menschen so um Luft ringen hören. (Und ich kenne einige Menschen mit schwerem Asthma.) Wir haben die Erinnerungen in seiner neuen Wohnung abgestellt.

Er hatte eine neue Wohnung, weil er sich die alte nicht mehr leisten konnte. In der alten hatte er mit seiner Freundin gelebt. Eine Frau, die um einige Jahre älter war als er. Eine Frau, die er über alles geliebt hatte. Als sie starb, ist die Welt für ihn endgültig zusammengebrochen. Die war ohnehin nicht sehr stabil für ihn, das Heimkind, den Mann, der sein Leben lang nur mit Schulden zu kämpfen hatte, der nach einem schweren Arbeitsunfall eine Zeit lang gelähmt gewesen war. Eine traurige Existenz. Sie hatte ihm Kraft gegeben, ihn für ein paar Jahre aus dem Sumpf geholt, der sein Leben war. Für sie und mit ihr hatte er diese Wohnung – im wahrsten Sinne des Wortes – „gebastelt“. Insgesamt hatten sie drei Wohnungen zu einer großen zusammengelegt und mit viel Liebe zum Detail alles Mögliche eingebaut. Unter anderem gab es dort ein Hochbett, auf das er sie in den letzten Monaten ihres Lebens tragen musste, weil sie zu schwach war, die Leiter raufzuklettern. Er, der selbst schon mal gelähmt gewesen war. Als er mir erzählte, dass das Bett „für die Ewigkeit“ gebaut hatte, blitzten seine Augen in den dunklen Höhlen. Das einzige Blitzen, an das ich mich bei ihm erinnern kann. Die Hochzeit kurz vor ihrem Tod sollte sicherstellen, dass er die Wohnung weiter behalten konnte, dass ihm zumindest die Erinnerungen blieben.

Nach ein paar Jahren ging auch das nicht mehr. Die Schulden waren erdrückend, das bisschen Sozialhilfe reichte nicht und er musste sich eine kleinere Wohnung suchen. Dort hatten aber nicht alle Erinnerungen Platz. Er musste versuchen, sie zu verkaufen. Das lief immer nach dem gleichen Schema ab wie bei den Schallplatten. Niemand wollte so viel bezahlen wie ihm seine Erinnerungen wert waren. Also packte er sie in vierzig Kartons und lagerte sie in einer Garage ein, für die jemand anderes die Miete bezahlte. Und zum Schluss riss er, der kaum noch Kraft hatte, das für die Ewigkeit gebaute Hochbett raus, hackte es kurz und klein und gab den Schlüssel zurück. Das war Ende September.

Anfang dieser Woche hat er mich angerufen. Die Mutter meiner Freundin ist gerade auf Urlaub. Er solle ihre Katzen füttern, hätte da eine Frage, erreiche sie aber nicht. Er klingt etwas verwirrt, aber ich denke mir nichts dabei. Das Problem mit den Katzen können wir lösen, doch er ruft weiter an. Ich bin gerade im Stress und verstehe auch nicht genau, was er will. Es scheint jedenfalls nicht dringend. Es tue ihm leid, dass er genervt habe, dass er glaube die Mutter seiner Freundin sei böse auf ihn. Er wolle doch nur alles richtig machen bei den Katzen und er könne mir gerne mal erzählen, was in seinem Leben alles schief gelaufen sei. Drei, vier Anrufe, die allesamt nicht sehr lange dauern. Ich sage ihm, dass wir uns bald mal treffen sollen, um das alles zu bequatschen. Er, der Wortkarge ruft weiter an und legt nach ein paar Sätzen auf. Wahrscheinlich auch, weil ihm beim Sprechen die Luft ausgeht. Ich hebe irgendwann nicht mehr ab und schreibe eine SMS: „Bin in der Arbeit. Melde mich am Nachmittag.“  Mir ist klar, dass er jemanden zum Reden braucht.

Am Nachmittag erreiche ich ihn. Er erzählt, dass er gerade auf einen Termin mit seiner alten Hausverwaltung wartet und nicht lange reden kann. Ich so: „Was ist da noch offen?“ Die Antwort: einigermaßen wirr. Also biete ich an mitzugehen. Er: „Ja, wäre gut, wenn ich einen Zeugen dabei hätte.“ Nach einigen Minuten: „Ich habe den Termin jetzt. Ich mache das allein. Ist eh schon egal.“ Legt auf. Ich versuche, ihn zu erreichen. Nichts. Ich schreibe eine SMS: „Ich komme. Sag mir, wann ich wo sein soll.“ Nichts. Eine Stunde später meldet er sich und bittet mich inständig, dass ich ihm Geld borgen soll. 200 Euro. Ich sage vorsichtshalber mal zu. Drei Minuten später ein weiterer Anruf: Jetzt will er 400 Euro. Ich zögere erst und sage wieder zu. Frage ihn, wo ich ihn treffen kann. Er will zu mir kommen. Kurz darauf ein weiterer Anruf. Sein Schwager habe ihm das Geld gebracht. Alles in Ordnung. Ich: „Komm doch trotzdem auf einen Kaffee vorbei.“ Er sagt zu. Kommt aber nicht. Ich versuche mehrfach, ihn zu erreichen. Er hebt nicht ab. Am Abend schreibe ich eine SMS: „Du wolltest vorbeikommen. Ich mach mir grad was zu essen. Ist genug für zwei da.“ Nichts.

Am Tag darauf – also gestern – versuche ich wieder ihn zu erreichen. Nichts. Am Nachmittag fahre ich zur Wohnung der Mutter meiner Freundin. Dort steht halbwegs frisches Katzenfutter. Entwarnung. Er füttert wenigstens die Katzen. Vielleicht ist ihm sein Auftritt von gestern mir gegenüber etwas peinlich. Trotzdem gehe ich zu dem Haus, in dem er wohnt. Auf den Türschildern ist sein Name nicht zu finden. Die Türnummer kenne ich nicht. Als jemand aus dem Haus kommt, nutze ich die Gelegenheit, selbst reinzukommen. Am Gang steht eine Polizistin. Erst fällt mir das Herz in die Hose, doch sie wirkt sehr entspannt und so gar nicht wie im Einsatz. Entwarnung. Ich will möglichst wenig Staub aufwirbeln und frage mal, ob sie hier zuhause sei und ob sie weiß, wo der Mann wohnt, dessen Familiennamen ich erst vorhin noch per SMS an meine Freundin erfragt habe. Sie kennt den Namen nicht. Also rufe ich ihn an und hoffe, dass ich gleich irgendwo hinter einer Tür ein Klingeln höre und dort anläuten kann. Nichts. Nichts. Kurz nach Mitternacht eine leere SMS von ihm. Da schlafe ich schon. Ich rufe ihn gleich in der Früh zurück. Nichts.

Heute zu Mittag erfahre ich, dass er sich das bisschen Leben, das noch in ihm gesteckt ist, genommen hat. Am Dienstag wollte er mir seine Geschichte selbst erzählen. Heute habe ich versucht, einen Teil davon niederzuschreiben ohne die Details zu kennen.

der dramolette zwölfter teil

dramolett #84

a: herzlich willkommen! was kann ich für sie tun?

b: was auch immer sie tun, es wird nicht reichen.

dramolett #85

a: wir verwenden ab jetzt das generische negativum.

b: oh ja!

dramolett #86

a: ich kann die verachtung, die ich für sie empfinde, nur schwer in worte kleiden.

b: dafür bezahle ich sie auch nicht.

dramolett #87

a: suche job als ewiger.

b: sie haben glück. bei den gestrigen ist noch was frei.

dramolett #88 (wahlkampfdramolett)

a: stürmische zeiten. sichere hand.

b: worum geht’s?

a: keine ahnung! der werner wird’s schon richten.

dramolett #89

a: können wir das auf später verschieben?

b: ich glaube nicht an ein leben nach dem tod.

dramolett #90

a: das wird nie was.

b: wir bitten sie, uns auch weiterhin bei diesem sinnlosen unterfangen zu unterstützen.

dramolett #91

a: darf ich ihnen die kanzlerfrage stellen?

b: nein, dazu möchte ich nichts sagen.

dramolett #92

a: was sie mir da geliefert haben ist scheiße.

b: ich weiß, sie arbeiten nur mit den besten.

dramolett #93

a: das schlimmste im leben ist, eine vergangenheit zu haben.

b: noch schlimmer ist die zukunft, die die nsa draus errechnet hat.

dramolett #94

a: hallo, was machst du jetzt so?

b: ich verrecke vor ihren füßen.

a: das ist mir jetzt unangenehm. ich dachte, wir sind per du.

dramolett #95

a: woran arbeiten sie?

a: an dingen, die ihnen neue anlässe für kritik geben.

dramolett #96

a: sie haben urgehoben. wir müssen über die verwertung reden.

b: ein gespräch mit ihnen ist entwertung meiner gedanken.

der dramolette elfter teil

dramolett #81

a: ich bin der verzweiflung nahe.

b: richten sie ihr meine besten grüße aus, wenn sie angekommen sind!

dramolett #82

a: anbei meine change requests.

b: aber die welt ist doch schon längst untergegangen!

dramolett #83

a: jeder mensch durchlebt phasen, in denen nichts so recht gelingen will.

b: rufen sie doch endlich einen arzt, sie klugscheißer!

der dramolette zehnter teil

dramolett #76

 a: hallo, was machst du jetzt so?

b: ich verrecke vor ihren füßen.

a: das ist mir jetzt unangenehm. ich dachte, wir sind per du.

dramolett #77

a: woran arbeiten sie?

b: an dingen, die ihnen neue anlässe für kritik geben.

dramolett #78

 a: wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen!

b: aus gründen, mein lieber!  aus gründen.

dramolett #79

a: was brauchen sie noch, um mich zu hassen?

b: danke, ich habe alles. wollen sie mich eventuell auf einen drink einladen?

dramolett #80

a: hallo, wie geht’s?

b: warum fragen sie mich nicht nach meiner meinung?

a: schön, sie getroffen zu haben!

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