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Kino: Pack of Cigarettes

Episode 11 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie

Es muss irgendwann in der ersten Hälfte der 1990er Jahre gewesen sein, da war ich mit einem Freund für eine Woche in Moskau. Ich kann nicht mehr nachvollziehen, in welchem Jahr das genau war. Die Sowjetzeiten waren jedenfalls vorbei und am Arbat standen die Moskowiter Schlange vor der McDonalds-Filiale. Die Schwester meines Freundes arbeitete damals in der österreichischen Botschaft. Das war doppelt praktisch: Wir reisten auf ihre Einladung nach Russland (was die Visumsformalitäten erleichterte) und wir konnten in ihrer Wohnung schlafen (was unseren dünnen Studentengeldbörsen entgegenkam). Unsere Nächte verbrachten wir meist in einer Bar, in der sich Botschaftsangehörige aus aller Welt tummelten. Es war zwar immer sehr unterhaltsam dort, hatte aber nichts mit dem Leben der jungen Menschen zu tun, die in der Stadt lebten.

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Pink Floyd: Wish You Were Here

Episode 10 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie

Wer seine Autobiografie schreibt, sollte ehrlich zu sich und jenen sein, die das lesen. Bei dieser Episode habe ich lange gezögert, sie online zu stellen. Sie handelt nämlich von einem gewaltigen geschmacklichen Fehltritt. „Wish You Were Here“ von Pink Floyd ist ein furchtbarer Schmachtfetzen, der schon an zu vielen Lagerfeuern ausgebeutelt wurde. Als Vierzehnjähriger sah ich das noch ein wenig anders. Da saß ich eines Frühsommerabends am offenen Fenster meines Zimmers, rauchte Zigaretten, hörte dieses Lied und schrieb einen an die von mir heimlich – sehr heimlich – Angebetete. In diesem Brief kam der Satz „Ich sitze am offenen Fenster meines Zimmers, rauche Zigaretten, höre ‚Wish You Were Here‘ von Pink Floyd und denke an dich…“ vor. Ob ich meine holpertatschige Liebeserklärung tatsächlich abgeschickt habe, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Antwort habe ich jedenfalls keine erhalten. Das wüsste ich. Heute habe ich genau ein Album von Pink Floyd in meiner Musiksammlung – und zwar „Ummagumma“. Das reicht. Sollte ich den Brief doch abgeschickt haben und die Empfängerin liest das: Mit dem geschmacklichen Fehltritt ist nur der Song gemeint!

Johnny Cash: Hurt

Episode 9 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie

Johnny Cash müssten eigentlich mehrere Episoden in meiner Musikbiografie gewidmet werden. Die erste davon wäre die über meine erste käuflich erworbene Langspielplatte. Das Doppelalbum „40 Country Masterpieces: Original Artistes (Limited Edition 2)“ wurde 1978 veröffentlicht. Wenn ich – wie ich annehme – im selben Jahr meine ersten Taschengeld-Schillinge auf den Kassentisch des Seifenplatzes zählte, dann war ich sieben Jahre alt. („Seifenplatz“ nannte meine Oma die Drogeriekette, die damals auch eine Filiale in meinem Heimatort betrieb. Der richtige Name war „Ihr Platz“.) Ich kann mich noch erinnern, wie stolz ich damals war, etwas selbst ausgesucht und gekauft zu haben, zu dem meine Mutter keinen Zugang hatte. Country interessierte sie nicht. Der Name Johnny Cash sagte ihr nichts. Mir schon. Der „Man in Black“ war mit „Folsom Prison Blues“, „Rock Island Line“ und „Cry Cry Cry“ auf dem gleich drei Mal auf den kostbaren Vinylscheiben vertreten, die ich immer noch besitze. Ich fand, dass das ein guter Kauf war.

Eine andere Episode mit Johnny Cash ist mir aber fast noch wichtiger. Die trug sich 2002 zu. Damals war gerade das – aus meiner Sicht beste – Album seiner „American“-Serie herausgekommen. Cash war schon ein alter kranker Mann, dem das deutlich anzuhören war. Seine Stimme klang brüchig und fragil. Es sollte das letzte Album sein, das zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurde. Ein Meisterwerk. Zum Weinen schön. Ich geb’s zu, ich habe auch geweint, als ich es zum ersten Mal gehört habe. Es war ein Sonntag und ich musste ins Büro. (Damals ging man noch ins Büro, wenn etwas zu erledigen war. E-Mails waren nur am PC und nicht von zu Hause abrufbar.) Da saß ich also. Die Heizung lief nicht. Es war kalt und dunkel. Eine gespenstische Stimmung, so allein im Großraumbüro. Ich beantwortete E-Mails und schrieb lustlos an irgendeinem Text herum. Am Tag zuvor hatte ich „American IV: The Man Comes Around“ gekauft. Johnny Cash sollte mich trösten, während ich mein Wochenende für meinen Arbeitgeber opferte. Doch die Coverversion von Hurt der Nine Inch Nails kann niemanden trösten. „I focus on the pain. The only thing that’s real.“

Wipers: D-7

Episode 8 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie

Wir hatten uns die Samstagnacht um die Ohren geschlagen und waren den ganzen Sonntag im Bett gelegen. Unter der Decke war es warm. Es fühlte sich gut an. Zu Silvester waren wir uns näher gekommen. In den Wochen darauf ist sie ein zweites und drittes Mal mitgekommen. Das erste Mädchen, das die Sonntage mit mir im Bett verbrachte! Mit diesem verwirrten spindeldürren Sensibelchen, das dann wieder raus in die Kälte musste. In die Kaserne. Dort verbrachte ich die zweitschlimmste Zeit meines Lebens. (Die schlimmste hatte ich damals nur vor mir.) Was für ein Fehler, meinen Dienst am Staat beim Bundesheer zu tun! Leider es war die einzige Möglichkeit, diese lästige Pflicht frühestmöglich hinter mich zu bringen, um dann mein wildes, ungezwungenes Leben in der Großstadt – die war damals viel größer und aufregender als heute – zu beginnen. Auf einen Zivildienstplatz musste man zu der Zeit recht lange warten.

Achtzig Kilometer fuhr ich durch den kalten, finsteren Wintersonntagabend, um mich dann in ein schmales Militärbett in einem Zimmer legen zu müssen, das ich mit fünfzehn Idioten teilte. Die würden dort wie jeden Sonntag ihren Samstagsrausch ausdünsten und immer und immer wieder über dieselben schlechten Witze lachen. Auf der Fahrt hörte ich in meinem rostigen Fiat Panda mit dem Fetzendachl, bei dem es überall reinzog, die Kassette mit „Is this real“ der Wipers. Zwei Mal ging sich das am Weg in die Hölle aus. Ich sang lauthals mit. Die Texte konnte ich von der ersten bis zur letzten Zeile auswendig.

Am Donnerstag griff ich in der Telefonzelle der Kaserne zum Hörer und erklärte ihr, dass wir uns am Samstag nicht sehen würden. Auf die Frage nach dem Warum hatte ich keine Antwort. Weder für sie noch für mich. „Towards anti-social…“

Hüsker Dü: Bed of Nails

Episode 7 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie

Mein Leben wäre wohl anders verlaufen, hätte ich in meiner Jugend nicht dieses Fenster in die Welt gehabt. Wenn es sich irgendwie einrichten ließ, bin ich nachmittags zwischen Drei und Vier vor dem Radiogerät gesessen. Lange bevor alle Musik der Welt einen Mausklick entfernt war, hatte ich nur die Ö3 Musicbox und die Plattensammlungen meiner Freude. Sie erzählten mir von einem Leben, das sich besser anfühlen musste als meines in dieser bigotten Provinz.
Es war 1987. Anfang des Jahres war „Warehouse: Songs and Stories“ von Hüsker Dü erschienen und im Frühling spielten sie in Wien. Im Messepalast, wie das Museumsquartier damals hieß. Obwohl ich nicht dort sein konnte, weiß ich das alles doch so genau, weil die Musicbox einen Konzertmitschnitt davon brachte. Moderator der Sendung war Martin Blumenau. Ich kann mich sogar noch an die Worte erinnern, die er damals gebrauchte: „Pardauz! Da war das Bandl aus.“ Ein Lied des Gigs fehlte auf dem Mitschnitt. Ich hatte diese Musicbox auf Kassette gebannt und diese danach viele, viele Male gehört. „Warehouse“ und vor allem „Bed of Nails“ gehören heute noch zu meinen absoluten Favoriten.

Der Text ist so unfassbar schön:

From years and years of practice
I know just how to stand
Alone with perfect balance, hand in hand
Prepared with boards and hammers
And several bags of nails
I could build a wall to lean on
Roof above my mind
I can see you’ve got your own plans
Please don’t drive your nails into this heart of mine

Nick Cave and the Bad Seeds: Muddy Water

Episode 6 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie

23:00 Uhr. Ich hörte schon das Knattern von Fs Vespa. Der gute F hatte mich nicht vergessen! Er war tatsächlich gekommen, um mich abzuholen und zu As Party zu bringen. Sturmfrei. Party. Mädchen. All das. Ich schlich mich aus dem Haus. Die Nacht war jung und ich konnte jetzt endlich – verbotenerweise – in sie eintauchen. Die letzten eineinhalb Stunden war ich in meinem Zimmer auf Nadeln gesessen. Würden die Eltern rechtzeitig ins Bett gehen? Würde ich unbemerkt das Haus verlassen können? Alles war gut gegangen. Ich schwang mich auf den Sozius und F gab Gas. Aber wie! Er hatte schon Einiges intus. Egal. Der Weg zu A führte über einen kaum befahrenen Güterweg. Wir würden heil ankommen und ich musste nicht zu Fuß gehen. Damit war ich locker zwanzig Minuten früher auf As Party. Doch die war schon vorbei. In As Zimmer standen übervolle Aschenbecher und ein paar fast leere Weinflaschen. So eine verdammte Scheiße! Die Meute war weitergezogen. In eine Disco, die ich zu Fuß nie, nie (!) erreichen konnte und F konnte in seinem Zustand nicht mehr auf der Bundesstraße fahren. Unmöglich. „Es ist noch genug zu trinken da,“ lallte A, der schon im Bett lag. „Nimm dir einfach!“ Die Plattennadel schabte rhythmisch in der Auslaufrille einer Schallplatte. Ich hob den Tonarm an den Anfang der Platte und hörte zum ersten Mal „Muddy Water“ von Nick Cave and the Bad Seeds. F lag rauchend auf der Couch. Er würde wohl bald einschlafen. Nachdem ich „Kicking against the Pricks“, dieses Album mit den zeitlos guten Coverversionen zeitlos guter Songs, zwei Mal durchgehört habe, ein paar Schlucke schlechten Rotweins aus den Flaschen getrunken, etliche selbstgedrehte Zigaretten geraucht hatte, schlich ich wieder nach Hause. Mit einem ungeheurem Hass auf die Welt und „Muddy Water“ im Ohr.

Einstürzende Neubauten: Seele brennt

Episode 5 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie

Mit zarten Fünfzehn war mein größtes Bestreben, so auszusehen wie Blixa Bargeld, der immer schwarz gewandete Frontmann der Einstürzenden Neubauten. Schwere Stiefel, enge Lederhose, auftoupierte rote Haare, ungesunder Teint, umwölkt von Rauch starker Zigaretten. Wenn ich mir heute die Fotos aus der Zeit ansehe, stelle ich fest, dass ich spindeldürres Bürschlein das damals gar nicht so schlecht hinbekommen habe. Zweitwichtigstes Anliegen war die Eroberung dieses ebenfalls immer in Schwarz gekleideten Mädchens aus meiner Schule mit den turmhoch auftoupierten Haaren. Meine schüchternen Annäherungsversuche hatten irgendwann doch so weit gefruchtet, dass wir ins Gespräch kamen. Ich musste aufs Ganze gehen, ihr begreiflich machen, wie sehr ich an dieser Welt litt, wie mir die Schule am Arsch vorbei ging und dass eine Karriere als furchtbar kreativer Mensch im Westen vom damals noch geteilten Berlin vor mir lag. Mit welcher Kunstform ich diese bestreiten wollte, konnte ich aufs nächste Gespräch verschieben. Der erste Anlauf gelang gar nicht mal so schlecht. Ich versprach, mit einer Zigarette im Mundwinkel, am nächsten zwei Schallplatten mitzubringen, die Aufschluss über mein komplexes Innerstes geben könnten. „Rain Dogs“ von Tom Waits und „Halber Mensch“ von den Einstürzenden Neubauten. Das Verborgen von Schallplatten war meiner Ansicht nach ein noch größerer Beweis meiner Zuneigung als ein Mixtape. Tags darauf gab sie mir das kostbare Vinyl zurück. Im Kartoncover von „Halber Mensch“ steckte eine Nadel und an der Nadel ein Zettelchen „Danke!“. Eine Nadel! Was, wenn die Platte jetzt zerkratzt war? Nicht auszudenken! Ein paar Tage später sah ich sie Hand in Hand mit einem anderen. Das Vinyl ist heil geblieben.

Element of Crime: Don’t you smile

Episode 4 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie

„Die Fabrik“ war ein ehrgeiziger Plan. Ein Veranstaltungszentrum in diesem kulturellen Niemandsland. Eine Location, in der wir nicht angefeindet wurden. Konzerte und Parties bis zum Abwinken in einer alten Fabrikshalle. Ein Traum! Wir waren jung. Nur einer von uns war volljährig und überhaupt berechtigt, den Mietvertrag zu unterzeichnen. Es war Sommer. Neben unseren Ferienjobs renovierten wir, bauten eine Bühne und eine Bar. Beim Ausmalen lief „Try to Mensch“ von Element of Crime. Am Abend gab’s Party. Ein paar Wochen durften wir diesen Traum träumen. Dann wurde es dem Fabriksbesitzer zu viel. Die Bewohner des Ortes hatten sich über den Lärm beschwert, über die seltsamen Vögel, die mit ihren Vespas herumkurvten und überhaupt. Zur offiziellen Unterzeichnung des Mietvertrages kam es nicht mehr. Einer von uns sprühte zum Abschied „It was only Rock’n’Roll“ an die frisch gestrichene Wand. Aus der Traum.

Ich weiß, es klingt nach der alten Musikliebhaberleier, aber ich finde die neueren Platten von Element of Crime fürchterlich. Mag sein, dass mir Sven Regeners Urheberrechts-Rant die Musik der Band verleidet hat. Kann aber auch sein, dass Element of Crime im Grunde seit Jahren nur eine Variation des selben Songs spielen. Sei’s drum: „Try to be Mensch“ und „Damals hintern Mond“ finde ich nach wie vor großartig.

Hier „Don’t you smile“ vom damals frisch veröffentlichten Album „Try to be Mensch“ (1987; produziert von John Cale) in einer Live-Version aus dem Jahr 2010.

The Meteors: Attack of the Zorch Men

Episode 3 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie

Auf irgendeiner Müllhalde zwischen Oberösterreich und Wien verrottet eine Audiokassette. Darauf ist eine Aufnahme der einzigen Gesangseinlage, die ich jemals in ein Micro abgesondert habe. Das kam so: Das Jugendzimmer eines Freundes diente seiner Band als Proberaum. Damals standen die Zeichen auf Rocka- und Psychobilly. Die Band hatte Instrumentalspuren für das Cover von „Attack of the Zorch Men“ auf einem popeligen Vierspur-Aufnahmegerät eingespielt. Die Gesangsspur fehlte noch. Eines Nachmittags schlossen wir das gekippte Fenster – mehr Schallschutz war nicht möglich – und brüllten voller Inbrunst in das Micro. Im Duett und viel schneller und lauter als es der Vokalist der Meteors im Original gesungen hatte. Wir trugen Kopfhörer über die wir (und nur wir) die Instrumente hörten. Die Nachbarn hörten nur unser Schreien. Sie mussten denken, dass wir vollkommen irre waren. Das war auch genau das, was sie denken sollten. ZOOOOORCCCCCCH!

 

The Sisters of Mercy: Marian

Teil 2 meiner höchstpersönlichen Musikbiografie.

Die Nächte damals waren dunkler als heute. Sie gehörten uns. Jedenfalls die von Samstag auf Sonntag. Die durfte uns niemand nehmen. Meine Eltern haben es versucht. Sie wollten meine gepeinigte Pubertierendenseele der Nacht entziehen. Um 22:00 Uhr sollte ich zuhause sein. Das war ich auch. Um Mitternacht war ich allerdings wieder dort, wo meine düsteren Gedanken mich hinzogen. In den Partyraum. Zwei Kilometer von meinem Wohnort entfernt. Nachdem ich mich um 22:00 Uhr brav zurückgemeldet habe und eine Stunde danach sicher war, dass diejenigen, die mich in diese kalte, grausige Welt geworfen haben, auch wirklich schliefen, hatte ich meine Lederjacke wieder über das schwarze Hemd gezogen und war – so schnell es meine spitzen Stiefel zuließen – dorthin gelaufen, wo dieses Lied im Loop lief. Ich nahm einen tiefen Schluck, steckte meine Hände in die Taschen der Lederjacke und tanzte mit tief gesenktem Haupt.

„Marian“ von The Sisters of Mercy ist genau behört ziemlich billiger Gothic-Kitsch. Damals war es aber unglaublich wichtig für mich.

 

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