Bild gewordene Juche Ideologie – Ästhetischer Gefrierschock im MAK

Wikipedia weiß über die Juche-Ideologie von Kim Il-sung zu berichten, dass in dieser vom Marxismus-Leninismus abgeleiteten Weltanschauung der Mensch zwar nach wie vor Subjekt sei, allerdings wird dessen „bedingungslose Loyalität gefordert“. Ja, man wolle sich sogar über die historischen Grenzen hinwegsetzen in denen die klassischen Denkschule gefangen sei und strebt nach Ewigkeit.

Peter Noevers Ausstellungskonzept, sich vorurteilsfrei und ohne Interpretationskeule dem aktuellen Kunstschaffen Nordkoreas zu widmen, ist mehr als nur gelungen. Unter dem Titel „Blumen für Kim Il-Sung – Kunst und Architektur aus der Demokratischen Volksrepublik Korea“ zeigt das Wiener MAK einen interessanten und durchaus sehenswerten Überblick über das aktuelle künstlerische Schaffen in einem Land, das sich gänzlich außerhalb eines globalen Grundkonsenses stellt und von totalitären Zwangsvorstellungen dominiert wird, in dem der 1994 verstorbene Diktator wie eine Gottheit verehrt wird und in dem sein Sohn Kim Jong-Il aktuell die Mauern zur Außenwelt noch weiter hoch zieht und die Bevölkerung mit Propaganda statt mit Reis füttert.

Dass so manche österreichischen Medien Zeter und Mordio schreien, wenn dergleichen in einer heimischen Kulturinstitution ausgestellt wird, ist ein Reflex, der ohnehin statt finden musste. Dabei ist das was im MAK gezeigt wird erschreckend belanglose Kunst. Kreativität und künstlerischer Ausdruck im Zustand eines Gefrierschocks.

Ein großformatiges Gemälde steht symbolisch für das Kulturgefüge in diesem Land. Es zeigt Kim im Kreise von Künstlern. Der Diktator sitzt milde lächelnd inmitten der intellektuellen Elite des Landes und die notiert seine Worte in dicke Notizbücher. Verglichen mit dem was die Juche-Ideologie als ästhetisches Konzept diktiert, ist die Kunst des Dritten Reiches noch ein Quell künstlerischer Vielfalt und wohl auch “Freiheit”. Die Bilder des offiziellen Nordkorea zeigen idealisierte Alltagsszenen  in denen der große Führer allgegenwärtig ist und  falls er nicht selbst zu sehen ist – umgeben von glücklichen Arbeitern, Bauern oder Kindern (die Buben oft mit netten, kleinen Maschinenpistolen) – so spürt man doch seinem Atem. Bezeichnend etwa der Bildtitel einer idyllischen Szene, die nur deshalb so romantisch wirkt, weil ER gerade hier war. Ein weiteres Beispiel für das krude Romantikverständnis des offiziellen Nordkorea ist ein Kinderpaar, das Hand in Hand mit verklärtem Gesichtsausdruck durch Pfützen watet, während im Hintergrund ein US-Panzer vor sich hin rostet.

Die Ausstellung im MAK ist einen Besuch wert. Schon die Sicherheitskontrollen am Eingang machen klar, dass hier einiges anders ist als bei sonstigen Ausstellungen. Auch die Absperrungen vor den großformatigen Gemälden, auf denen Kim Il-sung zu sehen ist, sind sichtbares Zeichen der Abschottung gegenüber der Außenwelt. Gerade deswegen regt diese Ausstellung zu einer intensiven Reflexion über das Verhältnis von Politik und Kunst an. Dass Noever dafür keinerlei inhaltlichen Anhaltspunkte bietet ist einerseits sicherlich den Auflagen zu verdanken, die die offiziellen Stellen Nordkoreas hatten, andererseits liegt darin aber auch der Reiz dieses „Kulturerlebnisses“.
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