Ich bleib Dir treu Mark Zuckerberg!

Es ist ja unglaublich, Du hast es geschafft, dass ich als grundgrantiger, wortkarger Mensch ein annähernd normales Kommunikationsverhalten entwickelt habe. Sogar Freunde habe ich jetzt. Früher hatte ich Bekannte – und da konnte ich oft genug beim zweiten Treffen das Gesicht nicht mehr dem Namen zuordnen. Seit es Facebook gibt, ist das alles irgendwie gut. Und überhaupt ist gut, dass ich jetzt immer sofort weiß, worüber ich mit meinen „Freunden“ reden soll, wenn ich sie treffe. Ein kurzer, verstohlener Blick auf ihre Timeline (Facebook-Client am Smartphone) genügt und wir haben Gesprächsstoff. Und wenn uns der ausgeht, reden wir über Facebook. Ist Dir sicher auch nicht unrecht.

Ich hab auch schon öfter gelesen, dass Facebook hauptsächlich für solche Soziopathen wie mich erfunden wurde. Jetzt sind wir dann bald 500 Millionen.

Also: Das Fratzenbuch ist eine feine Sache. Und nachdem es Dir eingefallen ist, sollst Du auch den Ruhm dafür haben. In Deinem Alter hatte ich mein Studium noch nicht einmal abgeschlossen. Ich vergönne Dir Deinen Erfolg! Du kannst öffentliche Auftritte in Badeschlapfen absolvieren und einfach mal die Leute als Volltrottel bezeichnen, die Dir anvertrauen, was früher niemand jemanden erzählt hätte, mit dem er nicht zumindest einen Kaffee getrunken hat. Ich frage mich dabei, was so schlimm dran ist ein wenig über seinen Arbeitgeber zu schimpfen, seinen Freunden mitzuteilen, wie das Wetter draußen ist oder  ein paar Links auf YouTube Videos zu posten (ich habe ja früher noch Mixtapes per Handarbeit anfertigen müssen). Das haben wir doch schon immer getan. Nun halt auch im Web. Mir ist es auch relativ egal, dass neuerdings auf allen möglichen Webseiten steht, dass mir ein Artikel dort gefällt. – Was mir nicht gefällt kann ich ja dann auf Facebook sagen und dort gefällt es sicher wieder ein paar Leuten.

Mir ist auch irgendwie klar, dass Du all diese wunderbaren Features nicht nur entwickelt hast, um mir Freude zu bereiten. Was Millionen Menschen da Tag für Tag in Deine Datenbanken füttern, ist ein interessanter Rohstoff. Immerhin lassen sich die Daten Menschen zuordnen und sie lassen sich mit Daten anderer Menschen in Beziehung setzen. Social Networks statt Data Networks. Enorme Datenmengen, die da nur darauf warten für die Werbewirtschaft entsprechend urbar gemacht zu werden. Mir ist relativ klar, dass Facebook keine karitative Vereinigung ist. Ich kann auch Dein Argument ganz gut nachvollziehen, dass Privacy wie wir sie noch vor 20 Jahren verstanden haben ein veraltetes Konzept ist. Ich bin ja selber so einer, der gerne „shared“ und der sich freut wie ein Schneekönig, wenn er sieht, dass es jemanden gefällt. Und wenn ich nicht will, dass es jemand weiß – ob „Freund“ oder ein Werbetreibender, dann teile ich es nicht. Ganz einfach.

Mag sein, dass ich als erwachsener Mensch, der Internet zu einer Zeit kennen gelernt hat, als alles noch hoch anonym sein sollte, einen differenzierteren Zugang habe als junge Menschen heutzutage. Ich gebe mich zu erkennen, halte mit gewissen Meinungen nicht hinter dem Berg (das tue ich auch sonst nicht), unterscheide aber sehr wohl zwischen Informationen, die mich selbst betreffen und solchen, die andere – meine Kinder, Freunde und Kollegen betreffen. Ich nehme also für mich in Anspruch, dass ich weiß was ich tue und dass ich bei Informationen die unsichtbare Grenze erkenne, deren Überschreitung  mich oder andere in unliebsame Situationen bringen könnten. Ich weiß aber auch, dass Kommunikation ohne Inhalt nicht statt finden kann.

Also lieber Mark, ich bin auf Deiner Seite! Wir haben einen Deal. Du stellst mir ein Service zur Verfügung, das mich unterhält und über das ich mir mein Ego aufpolieren kann, indem ich permanent mehr oder weniger nützliche, gehaltvolle oder vollkommen sinnentleerte Statusmeldungen absetze, um nur ja immer im sichtbaren Bereich der Timelines meiner „Freunde“ zu bleiben und zu kommunizieren. Du darfst damit auch gerne Kohle verdienen. Kein Problem. Allerdings – und da fängt es sogar für mich an kritisch zu werden – Du änderst laufend die Regeln im Spiel. Das war und ist nicht Teil des Deals. Ich habe keine Lust permanent irgendwelche undurchschaubaren Dokumente zu lesen und Settings zurückzusetzen, die Du willkürlich änderst. Mich freut dabei, dass sich viele Leute gegenseitig über Facebook informieren, dass Dir schon wieder was eingefallen ist, wie Du endlich richtig Kohle mit ihren Daten machen kannst. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Das Kernproblem ist aber, dass Du die Regeln während des Spieles änderst. Mark Zuckerberg, ich bleib Dir vorerst weiter treu. Aber wenn Du glaubst, Du kannst mich verarschen, bin ich weg. Ich finde sicher auch Freunde bei diaspora*.