Social Information Management: Aufklärung reloaded?

Ich habe lange darüber nachgedacht, wie ich meinen Beitrag für die twenty.twenty Blogparade anlege. Es gäbe viel zu sagen über das Thema „Wie wird die Gesellschaft in Zukunft mit Information umgehen?“. Es ist ja noch nicht mal alles gesagt darüber, wie die Menschen heute mit Information umgehen.
Jedenfalls wird in dem Zusammenhang viel gejammert. Von „overnewsed, but underinformed“ * habe ich schon im Rahmen meines Publizistikstudiums gehört. (Und das habe ich im letzten Jahrtausend abgeschlossen.) Immer mehr ist von Informations- und Reizüberflutung die Rede und das Internet hätte das alles nur noch schlimmer gemacht. Allerorten und dauernd wird publiziert und kommuniziert und wir armen Würmer wissen überhaupt nicht mehr, wo uns der Kopf steht, was noch wichtig ist und was nicht.

Mit neuen Services dringt die Informationstechnologie auch noch in den letzten Winkel menschlichen Lebens vor. Schon 1993 seufzte Paul Virilio ob der „Eroberung des Körpers“. Im Untertitel zeichnete er ein Bild „Vom Übermenschen zum überreizten Menschen“. Der menschliche Körper werde von der Technologie kolonialisiert. Und heute gibt es tatsächlich eine ganze Reihe von Möglichkeiten, Sensoren am und im menschlichen Körper anzubringen. Am beeindruckendsten sind wahrscheinlich Kamera-Implantate, die blinden Menschen die Sehfähigkeit zumindest teilweise zurückbringen können. Doch die Diskussionen drehen sich um biometrische Messdaten, um Überwachungs-Staat und in den kühnen Phantasien der Verschwörungstheoretiker wahrscheinlich auch um die Fernsteuerbarkeit des Menschen.

Irgendwie bin ich dann gestern auf Kant gekommen. Trotz aller Überflutung mit Reizen können wohl die meisten Menschen mit Schulabschluss diese Definition auswendig:

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”

Das klingt vielleicht etwas altbacken, hat aber leider noch immer seine Gültigkeit. Kant hat den Essay „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ im Jahr 1784 publiziert. All jenen, die sich so lautstark über die Überflutung mit Reizen alterieren, sollte man ihn heute noch in gesamter Länge ins Stammbuch kleben. Eigenständiges Denken hat noch nie geschadet und es wird auch im Jahr 2020 nicht schaden.

Die Welt ist komplexer geworden
Stimmt schon, wir leben in einer Welt mit einem überaus reichhaltigen Medien- und Informationsangebot und die Mechanismen, wie gewisse Informationen auf die Displays von Tablets, Smartphones oder künftig in irgendwelchen Hologrammen landen, sind nicht immer durchschaubar oder erklärlich. Darüber kann man jammern. Man könnte aber auch den Versuch unternehmen, sie zu verstehen, die Offenlegung einzufordern oder alternative Wege der Informationsgewinnung ausprobieren.

Manfred Faßler, der Keynote-Speaker bei der nächsten Veranstaltung von twenty.twenty gehört definitiv nicht zu den Jammerern und Fortschrittsverweigerern, doch auch er schreibt in seinem Buch „Der infogene Mensch. Entwurf einer Anthropologie“

„Je mehr wir Menschen Umgebungen erzeugen und erzeugen wollen, umso reichhaltiger, unübersichtlicher, komplexer werden die Informationsmengen.“ (S.29)

Faßler spricht aber hier davon, dass der Mensch diese Umgebungen erzeugt und diese auch erzeugen will. Also ist es auch der Mensch, der die Rahmenbedingungen beeinflussen kann, unter denen dies geschieht. Und doch lassen viele nach wie vor – wie Kant es formuliert – das „verdrießliche Geschäft“ des eigenständigen Denkens durch andere erledigen.

„Informationale Intelligenz“ oder „Wer nicht kooperiert, verliert“
Manfred Faßler wird den hier versuchten Kurzschluss zwischen Immanuel Kant und seinen Thesen für ziemlich gewagt – wenn nicht sogar für unzulässig – halten. Die Welt heute ist nicht mit der Welt Kants zu vergleichen. Vor allem, weil Kommunikationstechnologien alle Lebensbereiche durchdringen. (Zumindest in den wohlhabenderen Teilen der Welt.) In seiner Analyse beschreibt Faßler das, was traditionellerweise als Gesellschaft bezeichnet wurde, als Auslaufmodell, die den Komplexitäten globaler Vernetzungen nur mehr bedingt entspricht:

„Die territoriale Integrität, mit der die Gesellschaft ihre ‘Unverletzbarkeit’ festlegte, verliert ebenso an Schlüssigkeit, wie die persönliche Integrität und die Unverletzbarkeit der ‘Privatsphäre’. Global agierende e-Kapitale und weltweit Daten suchende Menschen haben mit Staatsgrenzen nur noch wenig zu tun, vorrangig fiskalisch und polizeilich, vielleicht noch über ‘nationale’ Telefonnetzbetreiber.“ (S.17)

Bei Faßler ist „informationelle Intelligenz“ Basis für gesellschaftliche Organisation. Diese Intelligenz hat mehrere Dimensionen:

„Infogene Menschen, also wir, überraschen uns mit auswählender Intelligenz, die sich in datengebundener Zu-Rechen-Fähigkeit bewährt, mit taktischer Intelligenz, die sich in Versorgungsschlauheit äußert, mit entwerfender Intelligenz, die sich in selbst gemachter Formenvielfalt vom Hausgerät, über Werte zu Wissenschaft darstellt, mit medialer Intelligenz, die den Wunsch nach überzeitlicher oder translokaler Anwesenheit ebenso bedient, wie die Erwartung, größtmögliche Datenmengen für auswählende Intelligenz zur Verfügung zu haben.“ (S.66)

Die menschliche Selbstorganisation und erfolgt heutzutage über die „Klugheit der Vielen“ (S. 220), „vernetzte Spezialisierungen von Bevölkerungsgruppen“ (S.218)  bzw. durch die Herausbildung „latenter, anpassungsfähiger Selbstorganisation“ (S.217). Wo dies nicht gelingt, kommt es zur Erosion oder gar zur Selbstzerstörung des jeweiligen sozialen Gefüges.

Dort wo es funktioniert, ist das für Faßler eine „Smart Population“:

„Mit ihr ist ein immer wieder neu zu bildender Verständigungsmodus angesprochen. Er ist weder im einzelnen Menschen vorhanden, noch weist er irgendeine fixe Beziehung zum ‘Kollektiven’ auf. Klugheit entsteht und gilt für den Moment.“ (S.211).

Und diese Smart Populations müssen auch mit vielen unbekannten Variablen operieren können:

„Nehmen wir an, dass für jede Menschengeneration immer Bereiche ihrer Umwelt undurchsichtig, unklar, unscharf, bedrohlich, eigenaktiv, fremdbestimmend waren, so stellt sich die Frage danach, ob und wie Menschen ‘das Unbekannte mit in‘s Boot nehmen ‘, ob und wie sie sie ko-ordinieren, kooperieren.“ (S.213)

Er zitiert Klaus Mainzer : (S. 215)

„Management der Zukunft findet unter den Bedingungen von Komplexität und Zufall statt….In unsicheren und unübersichtlichen Informationsräumen entscheiden Menschen auf der Grundlage beschränkter Rationalität und nicht als Homo oeconomicus.“


Die österreichische Open Data „Szene“ als Smart Population

Ich beschäftige mich schon länger mit dem Thema Open Data und beobachte die Entwicklungen hierzulande mit großem Interesse. Vergangenen Donnerstag fand in Wien die Open Government Data Konferenz statt. Was sich da in einem Tag in komprimierter Form präsentiert hat, ist für mich ein Musterbeispiel für eine Smart Population. In Österreich hat sich eine Szene formiert, in der alle relevanten Gruppen miteinander kooperieren, um ein Thema vorwärts zu bringen. Politisch interessierte Bürger, Politiker, Verwaltungsbeamte, Unternehmen und freie Software-Entwickler arbeiten eng zusammen. Und das Interessante daran ist, dass hier nicht nach einer klassischen Projektmanagement-Methodik vorgegangen wird, sondern dass Dinge gleichzeitig passieren und die Beteiligten es verstehen, mit den „unsicheren und unübersichtlichen Informationsräumen“ umzugehen. Nach der klassischen  Projektmanagement-Lehre müssten zuerst die Rahmenbedingungen für die Öffnung  der Daten von Politik und Verwaltung geklärt werden. Dann müssten Standards definiert und Lizenzfragen gelöst werden und dann gäbe es vielleicht einmal die erste Anwendung. In dem Fall läuft das anders: Showcases und Anwendungen werden entwickelt, obwohl die Daten noch gar nicht in dem Format vorliegen, das für Open Data vorgesehen  ist. Die Diskussion um Lizenzfragen und Business-Modelle wird nicht auf einer abstrakten Ebene geführt, sondern mit denen , die auch mit den Daten arbeiten wollen und werden. Es gäbe viel zu erzählen über die Inhalte dieser Konferenz, über die positive Stimmung, die dort geherrscht hat und über das anerkennende Feedback, das die internationalen Gäste zum „Wiener Weg“ hatten. Mir ist jedenfalls kein „Projekt“ in Österreich bekannt, wo Zivilgesellschaft, Politik, Verwaltung und Techniker so intensiv an einer derart komplexen Materie gearbeitet haben. Auch wenn noch nicht absehbar ist, welche und wie viele Anwendungen in Zukunft OpenGovernment Data verwenden und wie diese das Beziehungsdreieck Bürger/Politik/Verwaltung langfristig beeinflussen werden: Für mich ist der Prozess an sich eine Form gelungenen Social Information Managements (gemäß twenty.twenty Titel), der Entschließung sich des Verstandes zu bedienen (nach Kant) bzw. einer Smart Population (nach Faßler).

Zurück zum Ausgangspunkt
Und jetzt zurück zum Ausgang dieses Blogposts. Viel hat sich verändert seit dem Jahr 1784. Menschenrechte wurden erkämpft und in demokratischen Staaten ist die Forderung Kants nach dem Recht auf den „öffentlichen Gebrauch der Vernunft“ (auch bekannt als Redefreiheit) umgesetzt. Diejenigen die die Informationsflut bejammern, verstecken sich sehr oft hinter ihrer eigenen Bequemlichkeit. Die neuen Technologien bieten unglaublich viele Möglichkeiten. Und wer die richtigen Fragen stellt, erhält meist auch brauchbare Antworten. Das Stellen richtiger Fragen ist für mich eine Ausprägung von informationeller Intelligenz im Sinne Faßlers. Wenn man die Antworten nicht erhält, hat man auch in einer hochkomplexen Welt Möglichkeiten. Die Smart Population, die sich in Österreich zum Thema Open Government Data – oder anders formuliert – zu mehr Transparenz in Politik und Verwaltung gebildet hat, ist ein gutes Beispiel, wie diese Möglichkeiten genutzt werden können. Meine Hoffnung: Im Jahr 2020 wird es viele davon geben. Themen gibt es genug. Die vordringlichsten drehen sich um den freien Zugang zu Information.

*Wer weiß, von wem dieser Begriff geprägt wurde, ist herzlich eingeladen, das hier per Kommentar kund zu tun. Ich konnte keine verlässliche Quellenangabe finden.

**Mainzer, Klaus 2007: Der kreative Zufall. Wie das Neue in die Welt kommt. München