Klarnamen auf Google+: “Ja, dürfen’s denn das?”

Wenn gar so aufgeregt über Klarnamen auf Google+ diskutiert wird, kann ich meinen Mund auch nicht halten. Gleich vorweg: Die Diskussion geht an der Realität vorbei. Leider! Wer anonym im Netz unterwegs sein will, sollte die Finger von Social Networks lassen. (Nochmal leider!)

Eli Pariser zitiert in seinem Buch „The Filter Bubble – What the Internet is hiding from you“ Andrew Lewis aka Blue_Beetle , der folgendes auf MetaFilter zum Besten gegeben  hat:

„If you’re not paying for something, you’re not the customer; you’re the product being sold.“

Und so ist es auch. Ich werde demnächst noch ausführlicher über Parisers hervorragende Analyse der Auswirkungen der Personalisierung schreiben. – Eines aber gleich vorweg: Die Larry Pages, Sergey Brins, Mark Zuckerbergs und Jeff Bezos dieser Welt sind nicht angetreten, um die Welt bzw. die Gesellschaft von Grund auf neu zu definieren, sondern um in ihr Geld zu machen. Davon erzählt auch Eli Pariser in seinem Buch.

Social Networking Plattformen sind keine öffentlich-rechtliche Veranstaltung
Und das ist auch legitim. Social Networks sind keine öffentlich-rechtliche Veranstaltung. Was da an guten, nützlichen Services für die Anwender rauskommt, muss finanziert werden. Das exponentielle Wachstum der Nutzerzahlen bedingt ein Wachstum der Kosten. Speicherplatz, Server und die Weiterentwicklung der Services kosten Geld. Das kommt nicht direkt von den Anwendern, sondern – indirekt – über die Marketingindustrie. „Ja, eh klar! Alter Hut! Das wissen wir doch!“ – Ah, das wissen wir? Und trotzdem gibt es so viele, die laut schreien, wie wichtig es ist, auf diesen Plattformen „anonym“ sein zu dürfen. Und bei der Argumentation wird gleich in die Vollen gegriffen. – Die Demokratiebewegung in Ägypten wird als Kronzeuge bemüht, um darzustellen, wie wichtig es ist, dass Polizeiapparate in totalitären Staaten nicht direkt von einem Account auf die Person schließen können. Sorry, aber so einfach ist das nicht! Dem Geschäftsmann Mark Zuckerberg sind die Ziele der so genannten Facebook-Revolution herzlich egal. Und für Google trifft das genauso zu. Was zählt ist die Optimierung der Marketing-Möglichkeiten. Je klarer und besser die Person hinter dem Account greifbar ist, desto zielgenauer das Marketing. So funktioniert das Business. Das kann man sehr schön bei Pariser nachlesen.

Bitte nicht falsch verstehen: Ich halte Social Media Plattformen für eine großartige Sache. Ich glaube auch, dass sie in vielen Bereichen sinnvoll einsetzbar sind. Beispiele dafür gibt es genug: Von #unibrennt, über Ägypten bis zu den vielen Kunden, die Unternehmen dort ordentlich die Meinung sagen. – Und sie manchmal auch zu einer Änderung ihrer Geschäftspraktiken zwingen.

Daran haben nicht nur unzählige unabhängige Blogs einen Anteil, sondern eben auch die großen Plattformen.
Wenn die Services mit zu einer Neudefinition von öffentlichen Prozessen führen, ist das ihren Managern nicht unrecht. Wenn es ihr Geschäftsmodell unterstützt, werden sie es nach Kräften fördern. Wenn es ihrem Business zuwider läuft, werden sie keinen Finger rühren, das voranzutreiben.
Sascha Lobo meint in seinem Diskussionsbeitrag:

„Das Pseudonym ist ein digitales Grundrecht und mehr Wert als Googles Profiling-Wünsche.“

Das halte ich im Ansatz für richtig, aber es ist naiv. Denn:

  1. Anonymität im Netz ist eine Illusion. Wer sich mit Pseudonymen, Anonymisierungs-Software und irgendwelchen Proxy-Diensten abmüht, wird es zwar schaffen, sich anonym im Netz zu bewegen. Dafür ist aber einiges an Aufwand nötig und die Social Networking Plattformen werden damit nahezu unbenutzbar.
  2. Das Erfolgsprinzip der Social Networks beruht auf der Vernetzung von Personen. Wer gänzlich anonym sein will, wird keine „Freunde“ finden. Und hat damit keine Reichweite. – Und die Reichweite zählt wohl auch für die Widerstandsbewegungen in den totalitären Staaten.
  3. Wer sich ohne technische Tricks auf Social Networking Plattformen bewegt, ist für diese auch ohne Klarnamen mehr als eindeutig greifbar. Mit Klarnamen wird er oder sie noch ein wenig wertvoller für die Betreiber. – Und damit verdienen sie mehr Geld, um all die schönen kostenlosen Services zur Verfügung stellen zu können.

Mein Fazit:
Kaiser Ferdinand fragte anlässlich des Volksaufstandes 1848 „Ja, dürfen’s denn das?“.  Ich münze die Fragestellung jetzt auf Google um. – Aus meiner Sicht dürfen sie das. Sie dürfen darauf bestehen, dass sich Menschen nur mehr mit Klarnamen dort anmelden und dass der auch angezeigt wird. Ich finde es nicht einmal so schlecht, weil damit auch den Naiveren unter unseren Zeitgenossen bewusst wird, dass in den Datensenken der Betreiber ohnehin bekannt ist, wer dahinter steckt. Und dass diese Informationen auch für Marketingzwecke genutzt werden. Das löst nicht das Problem, dass es in vielen Teilen der Welt gefährlich ist, seine Meinung zu äußern. Ich habe aber auch vor der Klarnamendiskussion keine allzu großen Hoffnungen gehegt, dass große Internet-Konzerne dazu beitragen werden, dieses Problem zu lösen. Würden sie das wollen, wären sie nicht zu den großen Konzernen geworden, die sie sind.

Eine Zusammenfassung der Diskussion in Deutschland von Dieter Petereit gibt’s hier.

Mehr zu Eli Pariser und die Filter-Bubble auf: www.thefilterbubble.com.