Twitter-Zensur: Nichts sagen ist kein Protest!

Mir ist schon klar: Ich habe keine besonders große Reichweite, aber ich möchte dennoch den Versuch starten, einen etwas gehaltvolleren Protest gegen die heute bekannt gewordenen Zensurvorhaben von Twitter anzuregen. Aus meiner Sicht läuft der #TwitterBlackout nämlich ins Leere.

Worum geht’s?

Twitter hat auf seinem Blog unter dem Titel „Tweets still must flow“ angekündigt, dass es sich in Zukunft nationalen Gesetzen und Gepflogenheiten beugen und notfalls auch Tweets pro Land löschen wird. – Also: Die Tweets werden nicht mehr so ungehindert fließen.

“We haven’t yet used this ability, but if and when we are required to withhold a Tweet in a specific country, we will attempt to let the user know, and we will clearly mark when the content has been withheld.”

Wie wurde doch im Vorjahr die Bedeutung der Sozialen Medien im Arabischen Frühling abgefeiert und wie wurde laut aufgeschrien als die Regierungen den Zugang zu diesen unterbunden haben! Das geht jetzt viel eleganter. Es wird einfach ausgefiltert, was den jeweiligen Machthabern nicht passt. Damit beugt sich wieder ein Internet-Unternehmen den staatlichen Vorgaben, um wachsen zu können. Anscheinend gewinnen ökonomische Überlegungen am Ende doch immer und die Meinungsfreiheit bleibt auf der Strecke.

Laut Twitter wird das in Zukunft also so aussehen:

oder so:


Und was sagt der Social Media Empörungs-Tross?

Die Slacktivisten der Welt haben sich auf eine besonders perfide Form des Protestes geeinigt: Sie werden schweigen! Morgen soll ein so genannter #TwitterBlackout (siehe dazu etwa die Huffington Post) statt finden. Wer politisch reinen Gewissens ist, sagt einen Tag lang einfach…nichts. Das wird die Weltöffentlichkeit schwer beeindrucken.

Mein Gegenvorschlag: Sagt was!

Und zwar so:

  • Werdet Bürger eines anderen Landes. Laut Twitter kann man im Account durch manuelle Auswahl des Landes die automatische Zuordnung per IP-Adresse overrulen. Also wählt ein Land, von dem ihr wisst, dass dort Zensur an der Tagesordnung steht. (Iran, China und Nordkorea sind nicht in der Liste zu finden, aber es gibt genug andere…)
  • Sucht Zitate aus Publikationen, die in diesem Land auf schwarzen Listen stehen, verboten oder verpönt sind. (Idealerweise nehmt Ihr etwas, zu dem ihr persönlich stehen könnt oder was ihr zumindest als Diskussionsbeitrag akzeptieren könnt.)
  • Twittert diese Zitate. Wenn Ihr sie auf englisch twittert, haben Eure Follower auch was davon. Wenn Ihr brauchbare Übersetzungen hinkriegt, ist das umso besser. (Google Translate kann helfen.)
  • Verwendet den Hasthag #withholdthis

Das ist zwar etwas mehr Aufwand als einen Tag nichts zu twittern, macht aber sichtbarer, worum es eigentlich geht.

Freue mich auf Feedback!

[Update am 28.01.2012]

Es gab einige Kommentare zu diesem Post (interessanterweise auf Twitter und nicht im Blog), zu denen ich kurz Stellung nehmen möchte. Im wesentlichen stützen sie sich auf die Argumentation, die Mashable (Relax: Twitter’s New Censorship Policy Is Actually Good for Activists) und der NDR (Twitter verbessert sich und alle schreien “Zensur”) gut zusammengefasst haben. Sukkus daraus: Alle Social Networks haben mit denselben Problemen zu kämpfen und Twitter löst die noch am elegantesten. Absolut richtig! Das war aber gar nicht der Grund für mich, diesen Blogpost zu schreiben. Der Grund war vielmehr der – aus meiner Sicht  – vollkommen fehlgeleitete “Protest”, der heute in Form von #TwitterBlackout stattfindet (oder eben nicht).

Selbst wenn Twitter besser und transparenter damit umgeht als andere Plattformen (was anerkannt werden sollte) bleibt das Problem bestehen, dass einzelne Länder die Möglichkeit haben, Inhalte zu zensieren. Ein Beispiel: Ein Twitter-User (oder eine Userin), der in einem autoritär regierten Land nachhaltig gegen dortige Gesetze verstößt, kann zwar in seinen Einstellungen behaupten, gar nicht Bürger dieses Landes zu sein. Er kann aber auf Anfrage der dortigen Behörden sehr wohl in diesem Land blockiert werden. Das ist und bleibt Zensur. Und dagegen lohnt es sich aufzutreten.