Zwei-Klassen-Internet? Ich hege eine leise Hoffnung, dass das alles nicht wahr ist.

Heute in der Früh bin ich per Zufall über einen Artikel im Wirtschaftsblatt gestolpert dessen letzter Absatz mich stutzig gemacht hat:

„Dem Internet sagten die Experten, darunter Dor Film-Chef Kurt Stocker, 3Sat Österreich-Leiter Hubert Nowak und der Tiroler PR-Profi Georg Hofherr, die Spaltung in ein Underground-und ein legales Netz voraus. Für Zweiteres brauche es einen “Fingerabdruck” wie die Nummerntafel beim Auto.“

Aha. Soso. Da treffen sich hochrangige Manager zu Medien-und Technologie-Roundtables und diskutieren zum Thema „Was tun mit diesem Internet?“ (Zitat Wirtschaftsblatt) und ausgerechnet die Vertreter der klassischen Medien und ein PR-Manager werden mit einer Prognose zitiert, wonach sich das Netz in einen legalen Teil und einen Underground (der dann folglich halb- oder illegal sein müsste) spalten wird. So steht es im Wirtschaftsblatt.

Und bislang habe ich nichts und niemanden gefunden, das bzw. der dem widerspricht oder widersprochen hat. Tante Google weiß leider keine weiteren Details. Also muss ich ein wenig mutmaßen. Ich gehe davon aus, dass der Redakteur die Aussage richtig wiedergegeben hat. Seine Formulierung lässt offen, ob die Herren Medienmanager dieses Szenario als düsteren Albtraum beschreiben (schlimm genug, wenn der Realität wird) oder als wünschenswertes Bild (was noch viel schlimmer wäre). Wie auch immer: Von Widerspruch ist nichts zu merken. Weder in dem Artikel noch in dem eh so shitstormanfälligen Internet.

Dabei tut Widerspruch dringend not. Warum? 

Gehen wir also mal davon aus, dass dieses Szenario eintritt. Dann heißt das:

  • Sämtliche legalen Angebote und Services finden sich auch im legalen Netz. Da identifiziert man sich mit einem Fingerabdruck und ist damit in all seinen Aktivitäten nachverfolgbar. Was eigentlich eh´ nichts macht, weil: Wer nichts Unrechtes tut, der hat auch nichts zu befürchten. Dafür kriegt er ein schnelles Netz mit vielen schönen (kostenpflichtigen) Inhalten.
  • Wer sich nicht an die Regeln halten will, geht halt in den halb-oder illegalen Underground und bleibt dort halbwegs anonym. Zumindest soll er das glauben. Mit diesen Menschen ist auf seriöse Weise aber kein Geld zu verdienen. Wozu also teure Infrastrukturressourcen für diese Subjekte zur Verfügung stellen? Da ist es doch nur recht und billig (Achtung Kalauer!), ihnen ein wenig von der Bandbreite zu nehmen. 56  kbit/s sollten eigentlich reichen für diese Verbrecher. Wenn sie mehr wollen, dann dürfen Sie jederzeit von der Subkultur ins legale Angebot wechseln.

Im Klartext: Wer sich nicht freiwillig überwachen lässt, wird digital ausgehungert.

Genau das ist nämlich die logische Konsequenz.

Ich hege die leise Hoffnung, dass da jemand was missverstanden hat und die Herren Medienmanager nur falsch zitiert wurden.  Und wenn nicht das, so hege ich die leise Hoffnung, dass sie diese Zweiteilung als Schreckgespenst an die Wand gemalt haben und nicht als Wunschszenario. Und wenn das auch nicht, dann hege ich die leise Hoffnung, dass bei der Veranstaltung jemand massiv widersprochen hat und nur das Wirtschaftsblatt nichts darüber schreibt bzw. Tante Google nichts davon weiß.

Groß ist meine Hoffnung allerdings nicht.

Ich habe schon zu viele“Medienmanager“ ähnliches sagen gehört.

P.S. Mittlerweile erachtet sogar die ÖVP das Thema Netzneutralität als wichtig. Hier etwa nachzulesen bei Hans Peter Lehofer und in dieser Diskussion, die ich heute in der Früh mit Paul N. Schmidinger (Selbstbeschreibung: “ÖVPler; Mitarbeiter der ÖVP Bundespartei; Microsoft IT Professional”) geführt habe:

http://storify.com/werquer/netzneutralitat