#Armeleuteessen: Essen, als ob wir arm wären

Ich geb’s zu: Ich weiß nicht, was ein Liter Milch, ein Kilo Brot oder ein Kilo Mehl kostet. Darum muss ich mich nicht kümmern. Lucky me! Zwar kann ich mein sauer verdientes Geld nicht mit beiden Händen zum Fenster hinauswerfen, aber ich muss zumindest beim Essen nicht sparen. Andere müssen das. Auch hierzulande. Über Viertelmillion Menschen beziehen in Österreich Geld unter dem Titel „Bedarfsorientierte Mindestsicherung“. Tendenz steigend. Von der Gesamtsumme sind für’s Essen und Dinge des täglichen Bedarfs etwa 180 Euro pro Monat vorzusehen; siehe dazu „#Armeleuteessen: Es ist einen Versuch wert“. Also etwa 6 Euro pro Tag. Den Artikel von Biorama-Chefredakteur Thomas Stollenwerk zitiere ich nicht nur wegen des Rechenbeispiels, sondern auch, weil er den Auftakt für den kollektiven Selbstversuch unter dem Titel #Armeleuteessen darstellt, an dem mein Freundin und ich seit gestern teilnehmen.

„Erst kommt das Fressen, dann die Moral“

Als Bert Brecht diesen Satz geschrieben hat, war noch keine Rede von Bio oder nachhaltiger Produktion von Lebensmitteln. Heute ist das Fressen enger mit der Moral verknüpft als damals. Ich kann mit meinem Konsum- und Essverhalten einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten. Wenn ich es mir leisten kann. Zwar bin ich weder Vegetarier noch Veganer, aber ich esse nur mehr selten Fleisch und da bevorzugt welches von Tieren, die halbwegs artgerecht auf heimischen Bauernhöfen gelebt haben. Generell kaufen wir – meine Liebste und ich – lieber saisonal, Produkte aus heimischer Produktion und Dinge, von denen wir glauben, dass sie nachhaltig hergestellt und transportiert wurden. Den ganzen Bla halt. Der Moral und des CO2-Fußabdrucks wegen. Die Frau pflanzt Obst und Gemüse im Garten an, backt selbst Brot, macht selbst Nudeln. Ihr macht das Spaß und der Mann profitiert davon. Voller Magen und ein beruhigtes Bobo-Gewissen. Das hat auch noch einen Kollateralvorteil: All das ist gesünder als der Billig-Junk, den andere essen. Vielleicht sogar essen müssen. Gesundheitliche Überlegungen spielen bei uns zwar keine besondere Rolle, aber möglicherweise leben wir mit dieser Ernährungsweise – die wir uns leisten können – doch etwas länger. Vielleicht sterben wir statt an Herzverfettung oder Darmkrebs an Blitzschlag oder Langeweile. Wenn nun Menschen, deren Bankkonto nicht so üppig befüllt wird wie unseres, nicht anders können, als zu Nahrungsmitteln greifen, deren Herstellung primär auf den kleinstmöglichen Verkaufspreis ausgerichtet wurde, offenbart sich der Gegensatz von Fressen und Moral beim Fressen selbst. In einer Gesellschaft wie der unseren, die in Form einer Mindestsicherung für ihre Schwächsten Mitglieder sorgt, ist die Frage glücklicherweise nicht mehr, ob die Menschen genügend zu fressen bekommen, sondern was. Problematisch wird es dann, wenn das, was die einzelnen Konsumenten beim Fressen einsparen müssen, in Form von Kosten für das Gesundheitssystem und Umweltkosten wieder auf die Allgemeinheit zurückfällt.

Definieren Sie „mindest“!

Ich verstehe den Selbstversuch von Biorama daher nicht nur als Experiment, ob „bio“ und „nachhaltig“ auch billiger gehen als in den Boboläden der noblen Innenstadtbezirke („Biosmoothie, 250 Milliliter um wohlfeile 4 Euro 50“), sondern auch als Diskussionsbeitrag, ob die Mindestsicherung tatsächlich bedarfsorientiert ist, oder ob es nicht aus volkswirtschaftlichen Bedarfsüberlegungen geboten wäre, den Anteil für gesunde, biologische Nahrungsmittel zu erhöhen.

Meine Befürchtung ist, dass wir trotz eigenem Garten und viel Zeit, die wir in den Selbstversuch investieren wollen werden, nicht mit den 6 Euro pro Tag auskommen.

Da wir schon von Mindestsicherung sprechen: Für mich beschreibt „mindest“ eine Untergrenze, die nicht unterschritten werden kann und darf. Wenn ein paar wild gewordene Politikerinnen und Politiker in Oberösterreich meinen, dass sie anerkannten Flüchtlingen und subsidiär Schutzberechtigten davon noch etwas wegnehmen können, dann sind ihnen offensichtlich die Logik und Moral davongaloppiert.

Als ob

Es ist mir ehrlich gesagt ein wenig peinlich, so zu tun, als wären wir arm und damit auch noch sozialmedial damit hausieren zu gehen. Ich mach’s trotzdem. Einerseits, weil mir dieses elitäre Nachhaltigkeitsgetue betuchter Menschen auf die Nerven geht; und andererseits weil ich wirklich wissen will, wie teuer Nachhaltigkeit und Bio sein kann und darf. Nicht zuletzt hätte ich gerne meine These diskutiert, ob ein soziales Netz, das benachteiligte Menschen nicht nur irgendwie auffängt, sondern „nachhaltig“ im weitesten Wortsinn, ein insgesamt besseres ist. Da ich mir im Vergleich zu meinen sonstigen Essensgewohnheiten so oder so etwas ersparen werden (Essengehen ist für März mal gestrichen), werde ich die Differenz spenden. Thematisch passende Spendentipps nehme ich gerne entgegen.

Ein Kilo, ein Euro

Auf dem Bild ist ein Kilo Brot zu sehen. Meine Liebste hat es gebacken. Die Zutaten dafür sind bio und haben ziemlich genau einen Euro gekostet. Die Energiekosten konnten wir auf die Schnelle nicht berechnen. Wäre aber auch spannend für #Armeleuteessen. Wir bleiben dran.